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Das liebe Vieh

23. März 2016

„Der Mensch ist ein Vieh!“ schrie er und stieß grimmig seinen Stock in den Kies. „Ein großes Vieh. Euer Hochwohlgeboren haben davon keine Ahnung, alles hat in deinem Leben geklappt. Aber frage mich nicht! Ein Vieh sage ich dir, ist der Mensch.

Hast du ihm etwas Böses angetan, so respektiert er dich und zittert vor dir. Hast du ihm etwas Gutes getan, so kratzt er dir die Augen aus. Man sollte immer den Abstand bewahren. Laß den Menschen nicht zuviel Freiheit, sag‘ ihnen nicht, daß wir alle gleich sind, daß wir alle gleiche Rechte haben, denn sie werden sofort dein Recht mit Füßen treten, sie reißen dir dein Brot von Munde fort und lassen dich elend krepieren. Abstand bewahren, Chef! Ich meine es nur gut mit dir.“

Er war stark genug, die Menschen so zu nehmen wie sie sind – und der ‚Kopfmensch‘ war irritiert..

„Ich glaube an nichts, an niemand. Ich glaube nur an Sorbas. Nicht etwa, weil Sorbas vielleicht besser ist als die anderen, davon ist keine Rede. Auch er ist Vieh. Ich glaube an Sorbas, denn nur ihn habe ich in meiner Gewalt, nur ihn kenne ich, alle anderen sind für mich Gespenster. Mit seinen Augen sehe ich, mit seinen Ohren höre ich, mit seinen Gedärmen verdaue ich. Wenn ich sterbe, stirbt alles. Die ganze sorbaische Welt versinkt im Nichts.“ S.49f

..so in etwa.

Und jetzt? Laut Kalender ist jetzt Frühling 🙂

„Sorbas fasste mich am Arm.“

Aus dem Chef ist schon lange ein Freund geworden doch Alexis Sorbas tastet sich eher vorsichtig heran..

Sorbas will seinem Chef und Freund etwas beibringen. Er sieht seinen Freund – der ihm so lieb gewordene ‚Kopfmensch‘ – sieht wie er von lauter Skrupeln fast erdrückt wird.
Das kann er nicht mit ansehen … und da lässt er nicht locker.

„Ich will dir was sagen, aber sei mir nicht böse! Wirf alle deine Schmöker auf einen Haufen und verbrenne sie. Hernach, wer weiß? Du bist nicht dumm, du bist ein guter Mensch … aus dir kann noch was werden.“ S.82

Es ist keine einfache Nuss, die Sorbas da zu knacken hat.

„Wenn es eine Hölle gibt“, fuhr er fort, „dann komme ich hinein, und zwar aus diesem Grunde. Nicht weil ich gestohlen, gemordet oder Ehebruch getrieben habe, nein nicht deshalb. Das macht nichts. Der liebe Gott verzeiht das alles. In die Hölle komme ich, weil in jener Nacht eine Frau mich auf ihrem Bett erwartete und ich ging nicht zu ihr hin…“ Er erhob sich, machte Feuer und rüstete das Essen. Dabei sah er mich von der Seite an und schmuzelte verächtlich.
„Tauben Ohren predigt man vergebens!“ brummte er, bückte sich und begann ärgerlich das feuchte Holz des Ofens zu pusten.
S. 89

Nikos Kazantzakis: Alexis Sorbas. Roman. Aus dem Neugriechischen übertragen von Dr. Alexander Steinmetz. Rowohlt-TB 1955. Hier: 476.-500.Tausend. März 1984. ISBN 3 499 10158 9

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From → Liebe, Musik, Sprache

2 Kommentare
  1. Graugans permalink

    „Chef, ich meine es nur gut mit Dir!“ Wie ich ihn liebe, diesen Sorbas, komm laß uns tanzen…tatam, tatam, tatamm…Liebe Grüsse

    Gefällt 1 Person

Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Das liebe Vieh – #Literatur

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