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Unabhängigkeit

1. April 2016

Der Chronist der Winde
18. Februar 2015

Dieses Buch erzählt die zweite Geschichte, die mir von diesem Schriftsteller begegnet ist… Sie spielt in Afrika, und handelt vordergründig von Optionen.

Am Ende ist es immer das Fälligste, was uns zufällt. Max Frisch *

Jetzt:

Man kennt das, aus den Medien
Schlimm, die ganzen Leute und der Reporter
raucht auch noch! Sowas geht doch nicht
Was war jetzt, schon wieder so ein Brennpunkt?

Menschen wollen keinen Krieg. Das machen nur Leute
Sie tun es, so bleibt das Gesicht gewahrt
Privat sind wir ja alle Menschen – integer
trotz allem…Leid, was Leute haben.

Den Leuten ist nicht zu helfen – Gleichgültigkeit
und Krokodilstränen sind Schutz vor dem drumherum
Die Nützlichkeit lauert schon an allen Ecken
Wie lange kann so ein Spiegel standhalten?

Genau: getötet

„… die Zivilisation ist keine Sache, die man aufbaut und dann für immer hat. Man muss ständig an ihr bauen, sie tagtäglich wieder erschaffen. Sie verschwindet weitaus schneller, als er es jemals für möglich gehalten hätte.“ **

Ein übergeschnappter Pharao hat mir neulich erklärt, es gäbe nichts Neues unter der Sonne. Das habe ich dann nachgeschlagen bei einem Prediger. Und der behauptete dann doch tatsächlich, alles hätte seine Zeit und außerdem wäre Zweisamkeit immer der Einsamkeit vorzuziehen. All das sei wahr, doch des Büchermachens sei kein Ende. Das sagte er auch noch. (Frei nach Martin Luther)

Gewalt tötet, egal ob sie brutal öffentlich ist oder unterschwellig-einlullend daherkommt. Oft beginnt es mit Gedanken. Nur Fragen stellen hilft. Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein… [Joh.8,7]

Der Chronist der Winde ist eine Geschichte von der afrikanischen Unabhängigkeit, ihren Irrungen, Wirrungen und Gesetzmäßigkeiten. Es hat nichts zu tun mit ethnischen Vergangenheiten, Hautfarben oder sonstigen Ausreden für Ungerechtigkeiten die aus Habgier, Machtstreben usf. begangen oder auch nur hingenommen werden. Ich denke, das wäre ein Irrtum.

„Wenn man Angst hat, ist es, als würde man an einem unstillbaren Hunger leiden, sagte er. Ist man dagegen beunruhigt, leistet man der Unruhe Widerstand.” (S.9)

Die Menschen sind „…im Innersten ihrer Seele doch sehr verwirrt. Einige Jahre, nachdem die Weißen übers Meer verschwunden waren, konnte ich meinen Vater, genauso leise wie er einst den Zustand der Kolonialzeit kritisiert hatte, über das Gebaren der jungen Revolutionäre klagen…“ (S.32)

In der Folge bricht ein Bürgerkrieg aus. Die Erfahrungen sind langfristig und trostlos. Das ‚Übliche‘ eben.

„Erst in dem Jahr, als ich Nelio kennenlernte, hörte der Krieg auf, ein Friedensvertrag wurde unterzeichnet und der Banditenführer kam in die Stadt und wurde vom Präsidenten umarmt. Da waren die Weißen bereits zurückgekehrt. Aber es waren andere Weiße, sie kamen aus Ländern mit eigentümlichen Namen, und sie kamen nicht, um uns in die Teeplantagen und Obstpflanzungen zurückzujagen, vielmehr wollten sie uns helfen, alles wieder aufzubauen, was durch den Krieg zerstört worden war.“ (S.33)

Menschen mögen ‚Recht und Ordnung‘. Überall und zu allen Zeiten ist das so. Wer die Bequemlichkeit stört, ist eben ‚unkommod‘. Man wird sich mit allem arrangieren. Nur Unsicherheit macht Verdruss. Menschen, die keine Verantwortung haben, fühlen sich nicht verantwortlich. Sie werden augenblicklich zu Leuten.

„Wenn man nicht schwimmen kann, ist das Meer gefährlich…“ (S.82) In der Regel kommen viele darin um. Nelio, ein zehnjähriger afrikanischer Straßenjunge liegt im Sterben und berichtet einem Zuhörer, dem Bäcker José Antonio Maria Vaz, Nachts über sein Leben. Von seinen Eltern, den Banditen, Yabu Bata, von Geistern und der Kirche hören wir. Wir lernen auch Bürgerkriege, Kolonialmächte, Bettler, Reiche und die dazwischen kennen. Große Politik und persönliches Schicksal.

„Manchmal dachte Nelio, Cosmos sei schon immer ein fertiger Mensch gewesen. Er sei als der geboren worden, der er war, und das würde sich auch niemals verändern.“ (S.138) Normal ist, was so alltäglich geschieht. Die Straßenjungen sind unsichtbar und doch allgegenwärtig. Kinder, die als Erwachsene verkleidet sind.

Vollständig sehen sie aus und haben im Grunde alle den gleichen Verlust in frühester Kindheit erlebt. Darum sehnen sie sich nach einer Vergangenheit zurück, die so nie wiederkehrt. Weil sie es nicht kann. Doch sie halten daran fest. Sie tun das auf ganz unterschiedliche Weise. Sie können lügen und stehlen, ja sie können sogar morden. „Ihre Aufgabe im Leben war: zu überleben.“ (S.132) Aber sie haben alle einen Begriff von Ehre und Anstand. Dafür leben sie.

Ein zutiefst philosophischer Roman der kraftvoll ist und zärtlich zugleich. Mal brutal, dass es mir die Sprache verschlägt, mal betörend schön in den Bildern und traurig ist diese Geschichte. Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Henning Mankell: Der Chronist der Winde. dtv München 2002.
ISBN 3 423 12964 6

* Aus: Max Frisch, “Tagebuch 1946 – 1949″ gefunden bei Cool Pains.
** Steven Galloway: Der Cellist von Sarajevo. Roman, btb ISBN: 978-3-442-73892-2 Hier: Dragan auf S.228.

Kraft

Nachtrag zu “Chronist der Winde”
21. Februar 2015

Es zergelt und zerrt überall. Wie ein Wind, der beständig weht oder die Sonne, die etwas zu verbrennen droht. (Zumindest bringt sie etwas an den Tag.) Vielleicht geht es hier um Kraft. Mit Energie, die aus Verletzlichkeit erwächst.

Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues. S. Beckett

Es gibt vieles, worüber man nachdenken kann. Vieles, was sonderbar ist. (S.189)

Dies ist eines davon:

‚Opixa murima orèva. Mueri wahòkhuwa ori mutokwène, etheneri ehala yàraka‘, sagte er plötzlich.

Ich war erstaunt über seine Worte. Ich erinnerte mich, daß ich einmal eine alte Frau in meinem Dorf dasselbe hatte sagen hören: ‚Der Mond verschwindet, wenn er groß gewesen ist, die Sterne leuchten weiter, obwohl sie klein sind.‘ (S.199)

Oder das:

Meine Geschichte ist zu Ende, und sie beginnt immer wieder von vorn. Zu guter Letzt wird sie wie ein unsichtbarer Ton eingebettet sein im ewigen rauschenden Wind vom Meer. (…) Ich weiß, es ist wahr, was Nelio sagte, daß unsere letzte Hoffnung ist, uns darauf zu besinnen, wer wir sind, daß wir Menschen sind, die niemals über die lauen Winde vom Meer gebieten können, aber vielleicht irgendwann einmal verstehen werden, warum die Winde ewig wehen müssen.

Ich, José Antonio Maria Vaz, ein einsamer Mann auf einem Dach, unter dem tropischen Sternenhimmel, habe eine Geschichte zu erzählen … (S.264f)

Es ist schwer, gegen sein eigenes Lied anzupfeifen.

Henning Mankell: Der Chronist der Winde. dtv München 2002.
ISBN 3 423 12964 6

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From → Liebe, Sprache

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  1. [Alles mit links] Unabhängigkeit – #Literatur

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