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Von Interessen und Wahrnehmungen

10. April 2016

Wahrnehmung
Etwas ist für mich wahr, darum nehme ich es. Also auch ‚annehmen‘.

Ich nehme also etwas an, weil ich für so etwas Interesse habe.

[Erster Einwand] Spiegel helfen da nicht wirklich weiter. Zumindest sind sie oft seitenverkehrt. Vormals tippte der Schlaumeier – z.Tl. auch Schlauberger, Schweinchen schlau usf, genannt – mit dem Zeigefinger auf die Ausgabe der örtlichen Tagespresse und sagte: „Steht doch hier!“
Seit geraumer Zeit ist der Hinweis auf computergesteuerte Auswertung werbewirksamer.

[Neuerlicher Einwand] Akademiker, und auch viele Intellektuelle, werden so Bezeichnungen wie Schweinchen schlau (z.B) weit von sich weisen. Schließlich halten sie zur örtlichen auch noch die überörtliche Presse!

[Exkurs]
To compute ist englisch und bedeutet so viel wie berechnen, veranschlagen, kalkulieren. (http://dict.leo.org/ )
– Guter Mann, das wissen wir doch schon längst!

Ok, Ok – Oh kay? Also ’nehmen‘ ist sogar ein starkes Tuwort.
Folgt man dem Duden zur Herkunft dieses Tuworts so kommt man auch auf die ursprüngliche Bedeutung ‚(sich selbst) zuteilen‘ (http://www.duden.de/rechtschreibung/nehmen).*

* S.a. in diesem Zusammenhang: ‚übernehmen‘. [Hier insb. „Typische Verbindungen (computergeneriert)“]

Das Wort ‚wahr‘ bezeichnet die Eigenschaft, zum Beispiel, einer ‚Sache‘. Es wird darum auch Wiewort genannt. Die Herkunft des Wiewortes ‚wahr‘ kann man nachschlagen. In diesem Zusammenhang bedeutet es soviel wie ‚vertrauenswert‘ (http://www.duden.de/rechtschreibung/wahr).

Die Wortart von ‚Wahr­heit, die‘ ist im deutschen ein Hauptwort und weiblich.

Interesse, das: Dieser Ausdruck ist als ein sächliches Hauptwort klassifiziert.
Die Herkunft dieses Begriffs wird im Wiktionary so erklärt: von lateinisch: inter = zwischen und esse = sein. Im Mittellateinischen wurde das Verb substantiviert und im 15. Jh. ins Deutsche entlehnt, wo es anfangs ein anderes Bedeutungsspektrum besaß (entgangener Nutzen, durch Versäumnis erwachsener Schaden; Zinsen, Vorteil). Erst im 18. Jh. übernimmt es die Bedeutung Aufmerksamkeit, Anteilnahme aus dem Französisch: intérêt, diese Bedeutung wiederum stammt aus der lateinischen Form interest = „es ist von Wichtigkeit“. (https://de.wiktionary.org/wiki/Interesse)

[Schon wieder ein Einwand] Was soll das?
– Das weiß ich doch nicht!
Das weiß der auch nicht. Wie so vieles. Außerdem kommt plötzlich, von rechts, der alte Marktspruch auf ihn zu: Nur Bares ist Wahres. Das hat gesessen.
Doch der berappelt sich. Läßt sich nicht unterkriegen. Wie auf ein Zeichen begibt er sich auf neuerliche Erkundung. Cash is king, wird da als Übersetzung gefunden. Es riecht förmlich nach ‚Geschäften‘.

‚Ge­schäft, das‘: Es ist wieder ein Hauptwort und zwar ein sächliches. Sozusagen: neutral. Ah ja. Zur Herkunft Übliches.

Lt. Gablers Wirtschaftslexikon lässt sich der Begriff ‚Geschäft‘ so definieren:

1. Kaufmännischer Sprachgebrauch: Bezeichnung für eine Unternehmung und für das Verkaufslokal (Laden) einer Unternehmung (meist Handelsbetrieb), aber auch für eine von mehreren Verkaufsstellen (Filialunternehmung). Unter Geschäft wird i.d.R. ein Einzelhandelsgeschäft verstanden.
2. Rechtlich: Handelsgeschäfte, Rechtsgeschäfte.
(http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/9411/geschaeft-v9.html)

Ein gutes Geschäft, so hat er gelernt, kommt dann zustande, wenn niemand sich hinterher über den sog. Tisch gezogen fühlt.
Wir sind also wieder bei dem ‚Annehmen‘. Und zwar von irgendwas. Zwecks Interessenausgleichs.

Annahmen
Ist etwas nur wahr, weil ich mich dafür interessiere?
Oder ist es umgekehrt? – Also wirklich…

‚Ungeduld, die‘ ist dem Artikel zufolge ein weibliches Hauptwort.
Das Selbe gilt aber auch für ‚Geduld, die‘.

Manchmal kommt man vom Hölzchen aufs Stöckchen. Hm.

Wer in sich selbst ruht, kann überall zur Ruhe kommen. So in etwa.

Befund
(Sie und ich, um von vorne herein niemanden auszuschließen:) **

Wir befinden uns in der Hand
von Kaufleuten
die sich wiederum in der Hand
von Kaufleuten befinden
die wiederum ihrerseits
sich in der Hand von Kaufleuten
befinden
von Kaufleuten die sich aber keineswegs
als Kaufleute empfinden
vielmehr als vielseitig Interessierte
sagen wir
sich als hochkomplizierte Seelen, unter
wenn’s sein muß
eiskalter Haut
dargestellt wissen wollen
weil eventuell alte Schule
hanseatisch etc.
sich demnach natürlich mit bildender Kunst
überhaupt mit Kunst
sich als Kaufleute
die wiederum in der Hand von noch
feineren Kaufleuten
sich befassen und auseinandersetzen
in der Obhut
wohlgemerkt in der Obhut
von angestammten Kaufleuten
die das Halsabschneiden weit von sich weisen
auch dem Sohne das Halsabschneiden nicht
auch nicht unter vier Augen
gelegentlich angeraten
weil abermals dieser schon
in den Händen von anderen
wissenschaftlich gebildeten
hochaufgeschossenen Kaufleuten
mit jener konservativen Chuzpe
die Marktlücke im Tornister
sich befindet
also schon Handlanger eines weiteren
angesehenen Zirkels
der wiederum in der Hand eines anderen
Zirkels und so weiter
sich befindet
und so das Halsabschneiden auch nicht so
vordergründig betrachtet
sondern
als kleineres Übel zum Wohle des Ganzen
zum Wohle der Imbißbuden
der Currywurstphilosophie
die ja den Deutschen nicht nur längst eigen
sondern auch
gleichfalls Europa
den Geist und das Abendland
ja den abendländischen „Austernesser“ erleuchtet
Würstchen und Piepen!
verkleistert mit Dialogen aus Operetten
aus dem Munde von Kaufleuten
die hinter der Hand
oder unter der Hand
oder mit beiden Händen schon zugedrückt
zugeschlagen
während wir noch den Traum in der Tasche
gekritzelt auf kleinen Zetteln mit uns schleppen
und Hoffnung haben
lächerlich –

So ist denn der Arzt kein Arzt
und der Künstler kein Künstler mehr
der Pfarrer kein Pfarrer
und der Richter kein Richter
der Sänger kein Sänger
der Arbeiter kein Arbeiter
der Bauer kein Bauer
und der Bäcker kein Bäcker mehr
die Frauen sind keine Frauen
die Männer keine Männer
und die Kinder sind keine Kinder mehr und so weiter

Große leergedachte Gesichter
auf verhältnismäßig kleinen Körpern
oder auf verhältnismäßig großen Körpern
kleine abgewetzte Gesichter
Wir befinden uns in der Hand von Kaufleuten
meinen jedoch nicht in der Hand von Kaufleuten zu sein
weil wir selbst Kaufleute geworden
dies aber nicht so empfinden
oder dargestellt wissen wollen
weil wir immer noch Menschen sein möchten
dies aber nicht mehr können.

1972

** Zuerst gehört in dem Programm Nachtvorstellung, 1975. Wiedergefunden:
Hanns Dieter Hüsch: Den möcht’ ich seh’n … 1978. Hier: S.64ff, Befund, 1972.
ISBN: 3 88268 005 9

Es ist nicht erheblich, wieviel Müll links und rechts, vor mir oder hinter mir ist. Man wird nichts ändern oder gar aufhalten. Dann doch lieber den ein oder anderen jungen Baum pflanzen. Entscheidend ist bei alldem, was einer wahrnimmt.

Man kann dazu auch beim Prediger Salomo nachschlagen. Wem das zu biblisch ist, der kann aber auch hier fündig werden.

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From → Liebe, Sprache

5 Kommentare
  1. Graugans permalink

    Lieber Mick, wie gut sie tun, diese blitzgescheiten Wortklaubereien von Dir und dem Hüsch(bei Salomo muß ich erst nachschlagen!) – Öl auf meine eingerosteten Synapsen! Bitte mehr, mehr, mehr! Liebe Grüsse

    Gefällt 1 Person

  2. Hanns Dieter Hüsch, sehr schön, über den bin ich vor kurzem auch mal wieder gestolpert im Regal.
    Viele Grüße,
    Gerhard

    Gefällt 1 Person

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