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4. Teil/2: Die verlorenen Briefe – das Erleben und das Notieren Juni 2014

16. Mai 2016

Das Buch vom Lachen und Vergessen

Ein Pariser Taxichauffeur über das Schreiben

„Wir schreiben Bücher, weil unsere Kinder sich nicht für uns interessieren. Wir wenden uns an die anonyme Welt, weil unsere Frauen sich die Ohren zuhalten, wenn wir mit ihnen sprechen.

Sie werden einwenden, im Falle des Taxichauffeurs handele es sich um einen Graphomanen und nicht um einen Schriftsteller. Klären wir also zuerst die Begriffe. Eine Frau, die ihrem Geliebten täglich vier Briefe schreibt, ist keine Graphomanin, sondern eine verliebte Frau. Einer meiner Freunde aber, der Fotokopienen seiner Liebesbriefe anfertigen läßt, um sie irgendwann zu publizieren, ist ein Graphomane.

Graphomanie ist nicht das Bedürfnis, Briefe, Tagebücher oder Familienchroniken (für sich selbst und seine Nächsten) zu schreiben, sondern Bücher zu schreiben (also ein Publikum unbekannter Leser zu haben). In diesem Sinne sind die Leidenschaft des Taxichauffeurs und Goethes Leidenschaft gleich. Was Goethe vom Taxichauffeur unterscheidet, ist nicht eine andere Leidenschaft, sondern ein anderes Ergebnis dieser Leidenschaft.“ (S.156)

Über die Stille und das Hören

„(Ja, ich weiß, Sie wissen nicht, wovon ich spreche, denn die Schönheit ist längst untergegangen. Sie ist unter der Oberfläche des Lärms, in dem wir ständig leben verschwunden – im Lärm der Wörter, im Lärm der Autos, im Lärm der Musik, im Lärm der Buchstaben. Sie ist versunken wie Atlantis. Nur ein Wort ist von ihr übriggeblieben, ein Wort, dessen Sinn von Jahr zu Jahr unverständlicher wird.)

Tamina hörte diese Stille (die kostbar ist wie ein Bruchstück einer Marmorstatue des versunkenen Atlantis) zum ersten Mal, als sie nach ihrer Flucht aus Böhmen in dem von Wäldern umgebenen Alpenhotel aufwachte. Zum zweiten Mal hörte sie die Stille, als sie ins Meer hinausschwann, den Magen voll mit Tabletten, die ihr statt des Todes unerwarteten Frieden brachten. Diese Stille will sie durch ihren Körper und in ihrem Körper beschützen. Deshalb sehe ich sie, wie sie im Traum mit dem goldenen Ring im krampfhaft geschlossenen Mund am Drahtzaun steht.

Ihr gegenüber recken sich sechs lange Hälse mit winzigen Köpfen und flachen Schnäbeln, die die sich lautlos öffnen und schließen. Sie versteht sie nicht. Sie weiß nicht, ob sie ihr drohen, sie warnen, ermahnen oder anflehen. Und weil sie nichts weiß, verspürt sie eine unendliche Beklemmung. Sie fürchtet um den goldenen Ring (diese Stimmgabel der Stille) und hält ihn krampfhaft im Mund fest.

Tamina wird nie erfahren, was die Strauße ihr sagen wollten. Aber ich weiß es. Sie sind nicht gekommen um zu warnen, zu mahnen oder zu drohen. Sie interessieren sich überhaupt nicht für Tamina. Sie sind gekommen, um ihr von sich selbst zu erzählen. Jeder will erzählen, wie er gefessen und geschlafen hat, wie er zum Zaun gerannt ist und was er dahinter gesehen hat.

Daß er seine wichtige Kindheit im wichtigen Dorf Ruru verbracht hat. Daß sein wichtiger Orgasmus sechs Stunden gedauert hat. Daß er hinter dem Zaun eine Alte mit einem um den Kopf gebundenen Tuch gesehen hat. Daß er geschwommen ist, krank war und wieder gesund wurde. Daß er in seiner Jugend radgefahren ist und heute einen Sack Gras gefressen hat. Alle stehen sie vor Tamina und erzählen, alle auf einmal, kämpferisch, eindringlich und aggressiv, wiel es auf der Welt nichts Wichtigeres gibt als das, was sie ihr zu sagen haben.“ (S.176)

Das Alles erinnert mich an den Roman ‚Die große Welt‘ (https://allesmitlinks.wordpress.com/2013/03/08/die-grose-welt-2/)

Milan Kundera: Das Buch vom Lachen und Vergessen. Roman 1978. hier : ungekürzte Ausgabe 9/2003 dtv Großdruck. Aus dem Tschechischen von Susanna Roth. ISBN: 3 423 25210 3

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From → Liebe, Musik, Sprache

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