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liegen lernen

19. Juni 2016

Von einer Katze lernen
heißt siegen lernen.
Wobei siegen locker durchkommen meint.
also praktisch: liegen lernen.

                              Robert Gernhardt *

Im September 1998 stürzte ein Mann frühmorgends vornüber aus einer im Souterrain gelegenen Kreuzberger Kneipe in eine Pfütze brackigen Regenwassers und fühlte sich nun bereit für einen abschließenden Döner. Sein Leben als verantwortungsloses, bindungsunfähiges, triebhafstes Arschloch war definitiv an einem Tiefpunkt angekommen. Gegenüber war eine Plakatwand, auf der stand: >>Wir werden nicht alles anders, aber vieles besser machen!<< Der Mann war knapp über dreißig, ungewaschen und unrasiert und hatte seit einigen Tagen nicht mehr richtig geschlafen. Fast schien es, als wolle er liegen bleiben, da in der Pfütze. Einfach liegenbleiben, ging ihm durch den Kopf. Aber der große breite Wirt mit der hohen Stimme und die fünf stummen Biker würden sicher etwas dagegen haben. Und ob das häßliche, magere Mädchen, das seit Stunden im Schneidersitz in ein Mineralwasser hineinmeditiert hatte, sich für ihn verwenden würde, war mehr als fraglich. Aus der Kneipe kam chinesische Musik. S.9

Wie es dazu kam und ob – oder wie – diese Geschichte weitergehen kann, das soll der folgende Roman bringen. Aufschlußreich.

Die achtziger Jahre waren keine gute Zeit, um erwachsen zu werden, jedenfalls keine Zeit, auf die man voller Sentiment zurückblicken kann. Schlaghosen, Clogs, Abba, Ilja Richter – die siebziger Jahre hatten Charme, da kam noch was aus den Sechzigern rüber, vielleicht sogar die Ahnung der Idee, die Welt könne besser werden. Die Achtziger hatten so etwas nicht. Auf den Illustrierten waren entweder nackte Frauen oder Atompilze, manchmal beides, und man wußte oft nicht, was schlimmer war. S.39

Das klingt alles nach Entlastung nach dem Motto: Haltet den Dieb. Doch das ist es nicht. Nun kann man sich die Zeit, in die man geboren wird, nicht aussuchen. Gleiches gilt übrigens auch für die Verwandtschaft (wovon unser Protagonist reichlich hat).

Irgendwie macht er sich also auf, die Welt zu erobern. Besser: er lässt es kommen, arrangiert sich. Wir begleiten ihn durch die Schulzeit, lernen seine Familie und die Freunde kennen. Es sind die Menschen, die ihm begegnen usf.

Der Leser wird dann mit ihm erwachsen oder das, was man dafür halten kann. Es wird eine beinharte Sache. Locker dargestellt.

Auf der unvermeidlichen Klassenfahrt nach Berlin: Wenn ich Brittas Hand nahm, war ich dann auch ein Kommunist? War sie denn einer? Sie fand die Mauer nicht so schlimm, also mußte sie Kommunistin sein. Aber das war mir egal. Meine Hände schwitzten. Ich konnte gar nicht mit Britta Hand in Hand gehen. S.56

Dem ist so manches egal, nur Britta nicht. Die erste große Liebe wird ihn natürlich verlassen und doch ist sie immer da. Sie wächst und mit der Zeit nimmt ihr Heiligenschein ziemliche Ausmaße an..

Immer wieder taucht ein Bild von der Supermarktkasse auf. Das Kind muß sich für eine der Süßigkeiten entscheiden. Das gelingt ihm nicht. Dieses Bild durchzieht die ganze Geschichte. Genauso wie der Versuch dem Protagonisten nahe zu kommen und seine – größtenteils erfolgreichen – Bemühungen dies zu untergraben. Es geht um Entscheidungen, die man trifft oder eben auch treffen läßt. Weil es so schön bequem ist.

Und seine Mutter wird sagen: Junge, ach Junge. S.260

Ich bin der, vor dem mich meine Eltern damals immer versuchten zu warnen. Möglicherweise ist es ja so: Es gibt zwar nichts Neues unter der Sonne aber jeder steht vor der Aufgabe seine Erfahrungen selbst machen. Da gibt es keine vernünftige Bedienungsanleitung.

Von meinem Freund habe ich zu Geburtstag mal eine Karte bekommen auf der stand folgendes Zitat von Stanislaw Jerzy Lec geschrieben: Hinter jeder Ecke lauern ein paar Richtungen. Diese Karte habe ich ulkigerweise als Lesezeichen für dieses Buch gebraucht. Sie stammt aus den Achtzigern.

liegen lernen ist der erste einer Reihe von Romanen, die der Autor nach der Trennung des Duos Tresenlesen geschrieben hat. Frank Goosen und Jochen Malmsheimer gehen schon lange getrennte Wege. Und, so schwer es auch fällt, sie werden immer besser. Jeder auf seine Art.

Frank Goosen: liegen lernen. Roman, Eichborn 2001. Hier: Heyne Taschenbuch 2002. ISBN: 978 3 453 21224 4

* Robert Gernhart, Gedichte 1954-1977

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From → Liebe, Musik, Sprache

3 Kommentare
  1. Goosen und Malmsheimer waren Tresenlesen? Das ist an mir vorbei gegangen. Liegen lernen habe ich auch gemocht. Malmsheimer habe ich sehr gut aber auch mal schwächer gesehen – aber seine Sprachwucht hat schon was!

    Gefällt 1 Person

    • mickzwo permalink

      Und wie die Tesenlesen waren. (www.youtube.com/watch?v=mF556cT1gag) Draus sind nun zwei Solokünstler geworden: Frank Goosen und Jochen Malmsheiner. Schließlich heißt jetzt auch Raider Twix (oder war das umgekehrt?) 🙂
      Vielen Dank für die Anmerkung und viele Grüße, mick.

      Gefällt 1 Person

Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] liegen lernen – #Literatur

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