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Erkundungen II

27. Juni 2016

Was müssen wir erinnern, was dürfen wir vergessen? *

Das letzte Problem der Moral ist nicht, wie wir uns moralisch verhalten, sondern wem gegenüber wir zu moralischem Verhalten verpflichtet sind. Darauf findet Vischer** in der Evolution keine Antwort. (…)

Nicht dass er nicht wüsste, wem gegenüber wir zu moralischem Verhalten verpflichtet sind: jedermann. Aber er denkt, dass es unsrere evolutionär entwickelte Ausstattung und unsere verlässlichen, natürlich gegebenen Möglichkeiten übersteigt. Er fordert, dass wir es gleichwohl tun. (…)

Einhart*** ist nicht Don Quijote. Wenn er gegen die Begrenzung des Moralischen kämpft, kämpft er nicht gegen Windmühlenflügel, sondern gegen üble Fuhrleute. Letztlich kostet ihn der Kampf das Leben(…) Den Satz vom Moralischen, das sich von selbst versteht, sagt er sich, während er sich vergebens damit abmüht, dass das Moralische keine Grenze kennen möge – er sagt es sich zum Trost und aus Stolz und aus Trotz. (S.84)

Das Kapitel über den Verrat eröffnet Schlink wie folgt: Die Frage, was etwas ist, zielt meistens darauf, wie es zu definieren ist, und damit nicht auf die Wahrheit, sondern auf Zweckmäßigkeit. Denn Definitionen sind nicht wahr oder falsch, sondern zweckmäßig oder unzweckmäßig. (S.89)

Vulgo: Was ist richtig und was ist falsch, was darf man vergessen und woran soll man sich erinnern? Erkundungen eben.

Im Gegensatz dazu gilt die Leidenschaft, mit der immer wieder gefragt wird, was die Wahrheit ist, die Gerechtigkeit oder die Liebe, nicht dem zweckmäßigen Sprachgebrauch. Sie gilt der Sache selbst. Die Frage, was die Wahrheit ist, geht nicht in der Frage auf, wann zweckmäßig von Wahrheit die Rede sein kann, sondern zielt auf die Frage, wie man sich dessen, was ist, vergewissern kann. Die Frage nach der Gerechtigkeit fragt danach, was man vom anderen verlangen und was der andere von einem selbst verlangen darf. Wer fragt was die Liebe ist, will wissen, ob er seinem Gefühl oder dem Gefühl eines anderen trauen kann. (S.89)

Der Verrat hat drei Beteiligte: den Verräter, den Verratenen und den Nutznießer des Verrats. (S.90) So weit, so trivial. Abschließen wird Schlink dieses Kapitel indem er den Begriff ‚Loyalität‘ ins Spiel bringt. Das wiederum ist keineswegs trivial …

Bernhard Schlink, Jurist und ein erfolgreicher Schreiber außerordentlicher Kriminal-romane und Erzählungen, schreibt ebenso gut und dezidiert über Quellen und Antriebe zu seinem Schaffen. Wann hat man das mal? In dieser Form. Spannend ist so etwas für mich. Mal sehen, ich will weiter lesen..

Bernhard Schlink: Erkundungen zu Geschichte, Moral, Recht und Glauben. Diogenes 2015. ISBN 978 3 257 06936 5
* Aus dem Klappentext, ebenda.

** S.dazu auch hier.
*** Der Protagonist aus Vischers Roman Auch Einer. Eine Reisebekanntschaft. 2 Bde. Erschienen 1879.

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