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Die Kunst des Müßiggangs

10. Juli 2016

Müßig zu gehen bedeutet nicht Nichtstun. Müßiggänger sind – entgegen der landläufigen Ansicht – immer beschäftigt. Immer auf dem Sprung neue Erfahrungen zu machen erfordert viel Offenheit. Zuhören können, das Gesehene verarbeiten, daraus seine Schlüsse ziehen sind wohl eher passive Beschäftigungen. Aber alles andere als langweilig.

Und Langeweile haben wirkliche Müßiggänger nicht. Søren Kierkegaard wird in einem Wikipedia-Artikel so zitiert: „An sich ist Müßiggang durchaus nicht eine Wurzel allen Übels, sondern im Gegenteil ein geradezu göttliches Leben, solange man sich nicht langweilt.“ *

Die Kunst des Müßiggangs ist also eher als die Kritik am Ethos der Arbeit aufzufassen: Wenn ich nicht im Grunde ein sehr arbeitsamer Mensch wäre, wie wäre ich je auf die Idee gekommen, Loblieder und Theorien des Müßiggangs auszudenken. Die geborenen, die genialen Müßiggänger tun dergleichen niemals. **

Warum auch. Sie sind ja beschäftigt. Sie genießen diese Welt, versuchen sie zu durchdringen, wollen verstehen, was da vor ihren Augen abläuft – ob es nun mit ihnen geschieht oder ohne sie. Besser, es geschieht etwas mit ihnen. Dann sind sie näher dran. Und das müssen sie sein. Wo auch immer und wann auch immer.

So arbeiten sie sich ab an der Welt, die sie umgibt. Sie sind eher als Chronisten zu verstehen, deren Pflicht darin besteht, alles was sie trifft aufzunehmen, zu beschreiben, und – in erster Linie – für sich zu bewerten. Kaum das sie ans Netzwerken denken. Das trägt man ja jetzt. Wenn, dann eher zufällig. Da sind sie unmodern bis schrullig. Eigenbrötler.

Ausgesprochene Pessimisten wird man vergeblich unter ihnen suchen. Wie auch der unkritische Opitimismus wohl nicht ihr Ding ist. Vielleicht ist dieser Menschenschlag eher gekennzeichnet durch sowas wie subjektiven Realismus.

„Einer, der sich für die naivsten Ideale der Welt hinzugeben bereit ist, ist mir viel lieber als jemand, der über alle Gesinnungen und Ideale klug zu reden versteht, aber für keines auch nur zum kleinsten Verzicht fähig wäre.“ ***

In jedem Fall fühlen sie sich als Minderheit, und sind als solche dem Privaten verpflichtet. Das Leben ist kurz und so aufregend. Wenn sie also einen Ortswechsel vornehmen, könnte das auch – mit aller Vorsicht – als ein aktiver Eingriff ins Geschehen gewertet werden.

Zum Buch noch soviel: Unser Protagonist nimmt ständig auf. Er weiß nicht, was ihn da genau erwartet. Aber er ist irgendwie vorbereitet auf alles, was da kommen mag. Saugt es auf wie der berühmte Schwamm, um es irgendwann später zu verarbeiten.

Wäre er gleichgültig gegenüber dem was kommt, er wäre nichts als ein nichtsnutziger Faulenzer. Fürwahr ein Tagedieb. So aber ist er einer der Die Kunst des Müßiggangs pflegt.

Hermann Hesse: Die Kunst des Müßiggangs. Kurze Prosa aus dem Nachlaß. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Volker Michels. suhrkamp-TB 100. 1973 (25. Auflage 2013) ISBN 978 3 518 36600 4

* https://de.wikipedia.org/wiki/Müßiggang
** Hermann Hesse 1928 zum Thema, ebendort.
*** Hermann Hesse, S. 359, ebendort.

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From → Liebe, Sprache

12 Kommentare
  1. Müßiggang ist aller Daseinsfreude Anfang…☺️

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  2. Müßiggang ist des Mosers Ruhebank! In diesem Sinne wünsche ich ein faules Wochenende! 😎

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  3. ganz in meinem Sinne – herrlich! Danke!

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  4. Ja, genau! „Selig die Stunden der Untätigkeit, denn in ihnen arbeitet unsere Seele.“ (Turgenjew)

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  5. Schön … Eine Kunst, zu der heute viele ja leider keine Zeit mehr zu haben glauben, dabei gewinnt man so viel dabei.

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