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Schlaflose Nächte

13. Juli 2016

So ein Müßigänger muss Zeit haben.

Es ist ihm gleichsam auferlegt heraus zu bekommen, was das alles auf sich hat, was ihm begegnet. Vielleicht hat er es sich auch selbst zur Aufgabe gestellt. In jedem Fall nimmt er sich die Zeit dafür, es zu untersuchen.

Für das Publikum mag so etwas unproduktiv aussehen. Bestenfalls sagt es: „Er ist wieder in Gedanken.“ Oder: „Er ist gedankenverloren.“ Mit „ihr“ geht das natürlich genau so gut 🙂

„(…) ich könnte einen Menschen nicht lieben, von dem ich wüßte, daß er in seinem Leben keine schlaflose Nacht gehabt hat (…)“ H.Hesse, ebendort S.43

Vieles erlebt unser Protagonist, weil er sich nicht traut zu seinen – oftmals unterschwelligen – Gefühlen zu stehen. Er traut sich so wenig zu, dass er um die Existenz vieler seiner Regungen nicht mal weiß. Wie soll er sich denn da trauen.

Am Ende des Bandes stellt der Herausgeber dieses erstaunlichen Konvolutes an Kurzprosa von Herrmann Hesse ein Gedicht. Das gehört jetzt hier hin, denn es erklärt mir vieles:

Chinesische Legende
Von Meng Hsiä

Als ihm zu Ohren kam, daß neuerdings die
jungen Künstler sich darin übten, auf dem
Kopfe zu stehen, um eine neue Weise des
Sehens zu erproben, unterzog Meng Hsiä sich
sofort ebenfalls dieser Übung, und nachdem
er es eine Weile probiert hatte, sagte
er zu seinen Schülern: ‚Neu und schöner
blickt die Welt mir ins Auge, wenn ich mich
auf den Kopf stelle.‘

Dies sprach sich herum, und die Neuerer
unter den jungen Künstlern rühmten sich
dieser Bestätigung ihrer Versuche durch den
alten Meister nicht wenig.

Da dieser als recht wortkarg bekannt war und
seine Jünger mehr durch sein bloßes Dasein
und Beispiel erzog als durch Lehren, wurde
jeder seiner Aussprüche beachtet und weiter
verbreitet.

Und nun wurde, bald nachdem jene Worte die
Neuerer entzückt, viele Alte aber befremdet,
ja erzürnt hatten, schon wieder ein Ausspruch
von ihm bekannt. Er habe, so erzählt man,
sich neuestens so geäußert:

‚Wie gut, daß der Mensch zwei Beine hat!
Das Stehen auf dem Kopf ist der Gesundheit
nicht zuträglich, und wenn der auf dem Kopf
Stehende sich wieder aufrichtet, dann blickt
ihm, dem auf den Füßen Stehenden, die Welt
doppelt so schön ins Auge.‘

An diesen Worten des Meisters nahmen so-
wohl die jungen Kopfsteher, die sich von ihm
verraten oder verspottet fühlten, wie auch
die Mandarine großen Anstoß.

‚Heute‘, so sagten die Mandarine, ‚behauptet
Meng Hsiä dies, und morgen das Gegenteil.
Es kann aber doch unmöglich zwei Wahrheiten
geben. Wer mag den unklug gewordenen
Alten da noch ernst nehmen?‘

Dem Meister wurde hinterbracht, wie die
Neuerer und die Mandarine über ihn
redeten. Er lachte nur. Und da die Seinen ihn
um eine Erklärung baten, sagte er:

‚Es gibt die Wirklichkeit, ihr Knaben, und an
der ist nicht zu rütteln. Wahrheiten aber,
nämlich in Worten ausgedrückte Meinungen
über das Wirkliche, gibt es unzählige, und jede
ist ebenso richtig wie sie falsch ist.‘

Zu weiteren Erklärungen konnten ihn die
Schüler, so sehr sie sich bemühten, nicht
bewegen.

H.Hesse (1959), ebendort S.357f

Faszinierend, aber für mich am Ende nicht überraschend. (Siehe dazu auch den Prediger Salomo.) Trotz allem halte ich es für ein bemerkenswertes Buch, das sich zu Lesen lohnt! Wortreich und stark an Bildern auf die es sich einzulassen gilt.

Einzigartig ist nicht das Leben, das wir führen. Einzigartig ist, was andere darin sehen und daraus für sich machen.

Ich hoffe es ist noch in vielen Bibliotheken zu finden. Im Handel ist es noch zu haben.

Hermann Hesse: Die Kunst des Müßiggangs. Kurze Prosa aus dem Nachlaß. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Volker Michels.
suhrkamp-TB 100. 1973 (25. Auflage 2013) ISBN 978 3 518 36600 4

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From → Liebe, Sprache

4 Kommentare
  1. Das ist eine wunderbare Legende!
    Hesse … habe ich sehr lange nicht mehr gelesen, und Müssiggang, ach ja, auch der will gelernt sein!
    Herzliche Grüsse
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

  2. Hallo.
    Ich hab den Beitrag gerebloggt ohne zu fragen. Tut mir leid. Falls es dich stört lösch ich ihn wieder. Einfach bescheid sagen.

    Gruß

    Gefällt mir

  3. Hat dies auf Gott oder nicht rebloggt.

    Gefällt mir

Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Schlaflose Nächte – #Literatur

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