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Wolken

17. Juli 2016

Ich habe Menschen getroffen, die begonnen haben Wolken zu zeichnen um sie dann zu malen.

Kleine Wolken, große Wolken, düstere und heitere. Je nach Gusto. Am Schluß dieser Entwicklung sah man auf den Bildern nur noch Wolken und man konnte am ihnen ablesen, wie es in dem Menschen aussah, als er diese Wolken malte.

„Wie die Wolken uns den Luftraum sichtbar machen, so machen sie uns die Bewegungen der Luft wahrnehmbar. Und die Bewegungen der Luft sind zwar nicht unserem Denken, wohl aber aber unseren Sinnen stets rätselhaft uns darum fesselnd. (…) S.77

Mein Vater fragte mich mal von seinem Krankenbett aus, was näher sei, Wuppertal oder der Mond. Man kann sicher jeden Ort der Erde nehmen und so kam es mir, wie mit der Pistole geschossen aus dem Mund, und meine Antwort war Wuppertal.

Ich verstand nicht und war etwas in Eile. (Wie so oft in dieser Zeit.) Da lachte er mich aus. Und er sagte, das sei Quatsch, schließlich könne man den Mond von hier sehen, nicht aber Wuppertal.

„So ist es auch mit dem Licht, das wir im scheinbar leeren, blauen nicht wahrnehmen. Schwimmt aber eine Wolke darin wir sie grau, hellgrau, weiß, golden, rosig so ist all das Licht in der Höhe mir nicht mehr verloren…“ S.77

Die Menschen machten sich auf, in die Provence oder in ein anderes gelobtes Land des Lichts, kamen beseelt wieder, im Gepäck viele Bilder mit Wolkenmotiven. Zuerst dachte ich an Reinhard Mey mit seinem Fliegerlied. Aber das stimmte nur bedingt.

„Bedenken wir, daß die Wolken ein Stück Erde, Materie sind und ihr irdisches, materielles Leben in der Höhe, in Räumen führen, wo wir außer ihnen nichts Stoffliches erblicken können, so leuchtet ihre Symbolik ohne weiteres ein.“ S.77

Und dann habe ich Menschen getoffen, die Landschaften gemalt haben. Wüsten, Berge, Meer, Küsten, Strände usf. Wenn man genau hinsah waren immer auch irgendwo Wolken dabei. Auch Fotos wurden gesichtet. Ob sie gut waren oder schlecht, das entschied sich oft an den vorhandenen Wolken.

„Wir sehen ihre Reisen, Kämpfe, Rasten, Feste an und deuten sie träumend, wir sehen menschliche Kämpfe, Feste, Reisen, Spiele in ihnen, und es tut uns wohl und weh zu sehen, wie das ganze und schöne Schattenspiel so flüchtig, veränderlich, vergänglich ist.“ S.78

Hermann Hesse: Die Kunst des Müßiggangs. Kurze Prosa aus dem Nachlaß. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Volker Michels. suhrkamp-TB 100. 1973 (25. Auflage 2013) ISBN 978 3 518 36600 4 Hier: Wolken, 1907

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From → Liebe, Sprache

8 Kommentare
  1. Eine schöne soziologische Betrachtung der Wolken und ihrer Bedeutung.
    ich möchte sie noch etwas erweitern:

    Bei der exhibitionistischen Instagramgemeinde heißt die „HDR-lastige Bildbearbeitung mit Extra- Tiefe und Schatten : Cloudporn.
    Himmel, die suggerieren, weiter als jeder Himmel
    zu sein, mit Wolken aus bleifarbschwerem Granit.

    Meine Wolken?
    Ich habe meine malerischen Wolkenphasen immer, wenn ich Unfassbares greifbar machen möchte.
    Es sind Versuche über Sinnhaftigkeit… , Versuche über die Vergänglichkeit, aber auch die Travestie des alltäglichen Erlebens.

    Wolken – ganz Pragmatisch:
    Momentan bin ich in Italien. Und ich bin froh, wenn Mittagswölkchen bei 32 Grad für einen angenehmen Schatten sorgen. Ganz glücklich über diesen Pragmatismus bin ich auch:
    Die Landschaft erhält in diesen Momenten des himmlischen Schattenspiels wunderbar neue Anmutungen und Konturen. Wolken/ besser deren Schatten, vermitteln neue Sichtweisen:)

    Mit den allerbesten Grüßen:
    Wir lesen uns
    Silvia

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  2. Graugans permalink

    Lieber Mick, da ich mich, je älter ich werde, um so mehr zur Sympathisantin des alten, so jungen Epikur entwickle, muß ich dir unbedingt eines meiner Lieblingszitate schreiben:

    „Wir sind ein einziges Mal am Leben, zweimal zu sein ist unmöglich. Zwangsläufig leben wir in alle Ewigkeit hinein nicht mehr. Und obwohl du nicht einmal Herr über den morgigen Tag bist, schiebst du auf, woraus dir Freude erwachsen kann. Das Leben aber vergeht unter lauter Zögern und jeder Einzelne von uns stirbt, ohne auch nur einmal Muße gehabt zu haben.“

    Liebe Grüsse!

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    • mickzwo permalink

      Das ist ein gutes Zitat. Es gibt eben nichts Neues unter der Sonne. Das eine von anderen zu Unterscheiden ist die Aufgabe. Und das wollen wir üben.
      Liebe Grüsse auch an Dich.

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  3. Ein sehr schöner Beitrag, Mick, danke
    Ich finde Wolken faszinierend und auch wie viele verschiedene Techniken es gibt, sie zu malen…

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  4. Da muss ich natürlich gleich an Nolde und seine wollen denken 😉 zB. Die mit den Pferden im Vordergrund!

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  5. Graugans permalink

    Lieber Mick, ein wunder- wundervoller Text, geht mir so ins Herz, vor allem die Frage Deines Vaters mit ihrem humorvollen und weisen Fingerzeig auf das, was wirklich zählt im Leben…bald geht der Halbmond über Salzburg auf und ich werde sicher daran denken und Dir und Deinem Vater, wo immer er ist, viele liebe Grüsse schicken von der Graugans!

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Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Wolken – #Literatur

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