Skip to content

Die Seelenlosen – „Et is nich immer datt Beste, tritt’se auf die Äste“*

23. Juli 2016

Stell dir vor, es funktioniert und keiner kriegts hin. Wolfgang Neuss

wenn du auf einer großen wiese stehst
und es langsam dunkel wird,
die füße gleichmäßig naß sind
und die jacke steif vom regen ist,
der sich nicht entscheiden kann,
ob er eis oder wasser sein soll.
wenn du also dort stehst
und der wind dir deine mütze weg pustet
du dich fragst, ob deine ohren nun gleichzeitig
oder kurz nacheinander abfallen werden.
wenn du also dort stehst,
den verdammten knoten kaum noch siehst,
an dem du mit deinen schon steifen fingern
ungeduldig herumhantierst, aber bleibst,
weil du diese bescheuerte schnur
zum binden brauchst, an einer anderen stelle
die du bang im auge hast
weil sie gleich umkippen wird
und damit alles auseinander laufen läßt;
wenn du also dort stehst,
weil sowieso alles schon zu spät ist
und du dein taschenmesser vermißt,
das dir gewöhnlich nutzlos die tasche verbeult
und das du nun hast liegen lassen;
wenn du also dort stehst
dann stell’ dir vor,
wie komisch ich ausgesehen haben muß,
und ich schwör’ dir:
du machst den knoten auf!
du machst ihn auf.
© mick

Nachsätze: Heutefrühwarichbeimzahnarztausserderreihediesachemussteendlichmalabgeklärtwerd enwurdesiedannnochpünklichbeiderarbeitgewesenrechnungengesichtettelefonategefüh rtundsonstnochwichtigeentscheidungengetroffendanachhabeichdasmitdemhandygeklärt unddasneuesofabegutachtetgegessenschnellindieseanderestadtzudempresseterminge fahrenundauchdortu.a.einenguteneindruckgemachtdurchdiestadtgegangeneindrückesam melnzuhausenochdenrasengemähtundsoferngesehenundschlafengegangenvorhernatürli chkörperpflegebetriebenkonversationgemachtundmedizingeschluckt.Allesgehtsoseinen Gang.

Dazwischen immer mal Befunde und Wasserstandsmeldungen gehört, von Weitem. Es geht was, logisch. Doch man kann nicht gleich die ganze Welt retten. Mit der eigenen hat man schon genug.

* Bruno bei dem Abstieg vom Grünten bei Sonthofen, Allgäu (etwa 1968). willi – damals noch unbekannt – traute seinen Ohren nicht.

..und jeder zeitraum hat etwas eigenes,
frauen, mädchen oder kastanien
dadadadadidadada dadadadadidadada dadadi dadidadadada.. **

** André Heller: Das war André Heller. LP 1972, BASF.
Hier: jeder zeitraum hat etwas eigenes.

Ps.: Kürzlich las ich ein Buch. Es sollte mich ablenken, was es natürlich nicht tat. Ich hatte es schon mal – früher, also – gelesen, für zu leicht befunden und erst mal weggestellt. Vielleicht war es auch zu schwierig. In jedem Fall habe ich es nicht vergessen.

Die Seelenlosen ist ein Krimi mit Plot, wie er ein solches Buch eröffnen sollte. Es ist eine gesamtdeutsche Geschichte. Es spielt am Rhein und in Ostdeutschland. Manche fanden es hanebüchen, was dort erzählt wird. Andere fanden die Geschichte auch platt, ungereimt.

Die Dinge, die es beleuchtet, sind alles andere als platt: Was ist das, die Seele? Wo ist sie angesiedelt – und: was macht einen Menschen aus?

Fragen. Keine Antworten. Aber mit happy End. Ich denke so wird man es nennen.

Thomas Gröden: Die Seelenlosen. Roman, Knaur. 2001. ISBN 3 426 61780 3

Advertisements

From → Liebe, Musik, Sprache

11 Kommentare
  1. Eine Kastanienrote meldet sich zu Wort: Ja, ich erkenn Dein Gedicht wieder, irgendwo in meinen Erinnerungen fand ich das Opinel-Messerchen, das ich auf Wanderungen mit und ohne frostklamme Witterung in die Tasche zu stecken pflege, genauso wie Kastanien, weil sie Glück bringen und die Finger in Bewegung halten, wenn ich sie in der Tasche hand schmeichele. Dann kommt was ohne PunktundKommaoje…doch auch das schlurks ich mir weg und wünsch Deinen Zähnen Besserung und da im Mittelteil verknotete dann meine Optik und Du sagst, ich krieg den Knoten auch mit klammen Fingern wieder aufgedröselt, dann klappt es auch, aus dieser Winterstimmung in den hierzulande schlicht nicht stattfindenden Sommer zu entfleuchen.

    Dank für das Poem, es ist ein schönes.

    LG,
    die Karfunkelfee ✨

    Gefällt 1 Person

  2. Nur um den Faden nicht zu verlieren: Der Text mit der Schnur ist doch von dir und nicht von Neuss?
    Er ist gut.

    Gefällt 1 Person

    • mickzwo permalink

      Der Text mit der Schnur auf der großen Wiese, der stammt von mir. Das Zitat von Neuss passte m.E. ganz gut zum Gesamten. Es freut mich, wenn er Dir gefällt.

      Gefällt 1 Person

  3. atemlos gut – gern gelesen, auch die Stolperfallen!
    herzliche Grüsse zum fortgeschrittenem Abend
    Ulli

    Gefällt mir

  4. wolfgang neuss war schon immer ein guter Junge*

    Gefällt mir

    • mickzwo permalink

      So gut kannte ich ihn nicht. Ich habe ihn nicht persönlich kennen gelernt. Aber interessant war der schon: Wat Neuss. Das gilt für viele, die nach ihm kamen, wie auch für Vorläufer aller Art. Der Spruch mit dem Stern in der Überschrift stammt von Bruno und nicht von W. Neuss.

      Herzlichst mick.

      Gefällt mir

  5. Schön, phantasievoll, tiefsinnig und für mich ist die Seele die Elektrizität zur Glühbirne! Die Sprache im Titel ist einfach toll! Cari saluti Martina

    Gefällt mir

Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Die Seelenlosen – „Et is nich immer datt Beste, tritt’se auf die Äste“* – #Literatur

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: