Skip to content

Die Reise mit Charley

4. August 2016

Hinter jeder Ecke lauern ein paar Richtungen. Stanislaw Jerzy Lec

Auf der langen Reise wurde ich oft von Zweifeln begleitet. Ich habe immer jene Reporter bewundert, die in eine bestimmte Gegend einfallen, mit Schlüsselfiguren reden, Schlüsselfragen stellen, repräsentative Meinungen sammeln und dann einen ordentlichen Bericht schreiben können, der sehr einer Straßenkarte ähnelt. Ich bewundere diese Technik, und zugleich mißtraue ich ihr als Spiegel der Wirklichkeit. Ich finde, es gibt zu viele Wirklicheiten. Was ich hier niederschreibe, ist so lange wahr, bis ein anderer dieselbe Strecke fährt und die Welt nach seinen Vorstellungen neu arrangiert. In der Literaturkritik hat der Kritiker keine andere Wahl, als sich das Opfer seiner Aufmerksamkeit so herzurichten, daß es in Größe und Gestalt ihm selber gleicht.

Daher bilde ich mir in dieser Reiseerzählung nicht ein, ich hätte es mit Konstanten zu tun. (…) S.84

Und dann schreibt er noch: (…) Darum kann ich meinen Lesern das Land, das ich hier beschreibe, nicht als ein Amerika präsentieren, das sie vor finden werden. Es gibt dort so vieles zu sehen, aber unsere Morgenaugen beschreiben eine andere Welt als unsere Nachmittagsaugen, und sicher können unsere ermüdeten Abendaugen nur eine ermüdete Abendwelt beschreiben. S.85

John Steinbeck: Die Reise mit Charley. Auf der Suche nach Amerika. Wien, 2002. Paul Zolany Verlag. Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von B. Kroeber. (Die Originalausgabe erschien 1962.)
ISBN 3 552 05190 2

Advertisements

From → Liebe, Sprache

6 Kommentare
  1. Viel Kluges in wenigen Zeilen. Das habe ich wirklich gern gelesen.

    Gefällt 2 Personen

  2. ‚Das Opfer der Aufmerksamkeit‘ greife ich mir heraus. Ich gehöre selbst zu der Spezies, die Leuten wohl überlegte Fragen stellt und anschließend mehr oder weniger ordentliche Artikel über das schreibt was, warum und wie sie es tun. Generell läuft das so. Allerdings…so in neun von zehn Interviews läuft das anders…denn…ich ackere zwar meine Schlüsselfragen ab, doch immer wieder ergeben sich dabei spontane oder persönliche Fragen, völlig ungeplant, aus reinem menschlichem Interesse heraus. Ich checke vorher den Zeitrahmen, liebäugele mit meinem Chef, der meinen Wissensdurst gut kennt und sehr oft sind es genau diese Antworten auf die spontanen Fragen, die hinterher in allen sachlichen ordentlichen Falten und Informationen die Herzlichkeit in die Artikel zaubern.

    Der letzte Satz mit dem Opfer der Aufmerksamkeit treibt mich noch um, ich denke darüber nach, ob es wirklich so ist, dass Literaturkritiker nur von sich selbst und ihrem Maß auf ihre ‚Aufmerksamkeitsopfer‘ schließen…weil ich eben weiß, wie höllisch fuchsig schwer das ist, eben sich selbst auszuschließen in einer Beurteilung von etwas. Da man ja auf sein eigenes Urteil dummerweise angewiesen ist. Schließlich kann der Literaturkritiker nicht seine Schwiegermutter darum bitten, die Kritik für ihn zu schreiben, noch weniger kann er andere Urteile zu Rate ziehen und wenn dann nur bedingt, denn so unpersönlich eine Kritik auch gern sein will, so persönlich ist sie letztlich doch immer geprägt…

    Gefällt 1 Person

    • mickzwo permalink

      Roger Willemsen, von dem noch die Rede sein wird, hat einer kurzen Repotage einmal ein russisches Sprichwort vorangestellt: Der Lügt wie ein Augenzeuge.
      Ich glaube alles was wir sagen und tun ist von unseren Werten und Überzeugungen durchsetzt. Und wenn wir uns noch so anstrengen, wir sind eben Subjekte und keine Objekte.

      Gefällt 1 Person

      • Ich kenne ein weiteres russisches Sprichwort, mein Großvater brachte es aus der Kriegsgefangenschaft mit:
        Das Pferd fürchte von vorn, den Esel von hinten, den Menschen jedoch von allen Seiten. Das trifft nicht den Kern des Lügens, wohl jedoch m. E. einen wahren.

        Freu mich auf Weiteres.

        Gefällt 1 Person

  3. „.. Was ich hier niederschreibe, ist so lange wahr, bis ein anderer dieselbe Strecke fährt und die Welt nach seinen Vorstellungen neu arrangiert..“ – sehr schön, sehr wahr.

    Gefällt 1 Person

Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Die Reise mit Charley – #Literatur

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: