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Eindrücke und Ausdrücke

10. August 2016

Vielleicht ist ein Begreifen immer erst hinterher möglich. S.120

„Es ist schön, Freunde zu haben, und außerdem wollte ich ein bißchen nachdenken über alles, was ich gesehen hatte, die riesigen Fabrikanlagen und Kraftwerke und all das Hasten und Drängen.“ S.123

Jetzt fällt mir schlagartig ein, woran ich die ganze Zeit über dachte, während ich in dem Buch las. Es war das Bilderbuch nach der Geschichte von Leo Tostoi Die drei Fragen von Jon J. Muth..

Aber zurück zu dieser Geschichte, nach Amerika in der Mitte des vorigen Jahrhunderts und John Steinbeck. Er sucht sich Quartier in einer – scheinbar unberührten – Natur, abseits jeglicher Zivilisation. Und macht prompt eine neue Bekanntschaft.

„Der Waldhüter war ein einsamer Mann und das um so mehr, als er eine Frau hatte. Er zeigte mir ihr Foto hinter einem Plastikschutz in seiner Brieftasche, eine hübsche Blondine, die sich nach Kräften bemühte den Bildern in den Magazinen zu gleichen, ein Produkt der Kosmetika, Shampoos, Dauerwellen, Mundwasser, Hautpflegemittel.

Sie haßte es, draußen in dem zu sein, was sie den Provinzmief nannte, und sehnte sich nach dem tollen Leben in Toledo oder South Bend. Ihre einzigen Ratgeber fand sie auf den Hochglanzseiten von ‚Charm‘ und ‚Glamour.

Irgendwann würde sie sich ihren Weg zum Erfolg schon ertrotzen. Ihr Mann würde eine Arbeit in einer der großen, lärmenden Agenturen des Fortschritts finden, und sie würden glücklich leben bis ans Ende ihrer Tage. All dies kam in kleinen versteckten Aufwallungen während seines Gesprächs zutage. Sie wußte genau, was sie wollte, und er wußte es nicht, aber was ‚er‘ wollte, würde ihn sein Leben lang quälen.“ S.123*

Welche Funktion hat eigentlich Charley in dieser Geschichte? Nun, Charley war ein etwas hochnäsiger aber liebenswerter Pudel, dabei war das Tier schon in die Jahre gekommen. Es begleitet Steinbeck bei der Reise durch sein geliebtes Land. Das Tier dient als stummer Zeuge der Gedanken seines menschlichen Freundes.

Die Episoden um diesen einzigen Gefährten, seine Beschwerden aber auch seine Freuden und Entdeckungen, helfen beim Resümieren der Geschichte… Dieser Pudel fungiert gleichsam als Katalysator für den gefeierten Schriftsteller.

Die gewählte Einsamkeit dieser Reise lässt sich so besser aushalten. Gedanken zu Erlebnissen und Begegnungen des Protagonisten sind so ganz gut zu ordnen. Sie betreffen gleichermaßen Pfanzen, Tiere, Leute, Menschen sowie das Land.

„Bären argumentieren nicht.“ S.173 Aber: „Charley benahm sich wie ein Irrer.“ S.174 Und Texas ist eine Nummer für sich – wie so vieles in diesem, seinem Land. **

Zum Ende der Reise zieht unser Schriftsteller nochmal Bilanz. Wie vermutet hat er Amerika nicht gefunden. Aber er weiß jetzt zu unterscheiden zwischen denen und denen..

Ein bemerkenswerter Bericht über eine Reise auf der Suche nach Amerika. Am Ende findet er irgendwie zu sich selbst. Das ist mehr, als er erwarten konnte. Unglaublich, was in einem Kopf so alles ablaufen kann. ***

John Steinbeck: Die Reise mit Charley. Auf der Suche nach Amerika. Wien, 2002. Paul Zolany Verlag. Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von B. Kroeber. (Die Originalausgabe erschien 1962.)
ISBN 3 552 05190 2

* Die Absätze in diesem Zitat habe ich eingefügt. Der Übersichtlichkeit wegen.
** Ebendort: 239ff; 262ff; sowie 274ff.
*** Es gibt nichts Neues unter der Sonne. (Pred. Salomo 1,9) Dafür gibt es immer andere Menschen.

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From → Liebe, Sprache

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