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Deutschlandreise

19. August 2016

(…), wäre da nicht die Geschichte, die keinen Spaß versteht. S.47

Momentaufnahme. Da macht sich einer auf, Deutschland zu besichtigen. Wir befinden uns wohl am Anfang des dritten Jahrtausends, einer gefühlt neuen Zeit. Kurz bevor die ‚blühenden Landschaften‘ wahr werden sollten. Sie wurden doch angekündigt.

Niemand hat wirklich geglaubt, dass es schnell gehen würde und keiner hat es je versprochen. Nur blühende Landschaften. Es war zu schön als Bild. Auch verführerisch. Irgendwie musste man die Menschen schliesslich für sich einnehmen. Wann sie kommen würden, konnte keiner sagen.

„Wo waren wir stehen geblieben?“, fragt das Mädchen zufrieden in die Runde. S.103

Willemsen fängt an der Oder an, und arbeitet sich langsam nach Westen, zum Rhein hin, vor. Strebt in die BRD, den neuen Machtzentren zu. Oder den alten. Quasi von Rechts nach Links. Soviel zur Planung, soviel zum Thema Ironie.

Wenn Michel Foucault Recht hat, ist Macht aufgeschobene Gewalt. Und wirklich: Wo immer sich ein wenig Macht angesammelt hat, stehen schon ein paar Strafen bereit. Der Kunde, der Konsument, der Angestellte und der Dienstleister, sie alle sind gefangen in diesem Netz von möglichen Übertretungen. In einem Dschungel der Regeln wird ihnen das richtige Leben so schwer gemacht, dass sie eigentlich immer unmittelbar vor ihrer Ergreifung stehen. S.117

Manchmal gibt es nichts zu lachen, ausser vielleicht über sich selbst und unter vorgehaltener Hand. Oft ist es so, dass ein Lacher missverstanden werden könnte. Wer will das schon.

Im Bus, folgende Szene: Ihre dicke Freundin mit dem platten Wortschatz benutzt das Wort ‚Fettleibigkeit‘, das hat sie aus ihren Heften. Aber später sagt sie von einer Figur im Film, er liebte sie ‚ungestüm‘ – sie muss einen lieben Freund haben, ‚ungestüm‘, das Wort nimmt man nur aus der Erfahrung. S.145

Willemsen fühlt Situationen, seziert sie, um sie dann zu schildern. Kalkül. Da ist nichts Zufälliges oder gar Belanglosigkeit im Spiel.

Liebespaar im Zug, verknäult wie Laokoon.
  Sie schiebt sein Hosenbein hoch, entblößt eine weiße Wade, streicht erst mit dem Verlauf der Haare, dann gegen sie, hält ein, wiegt seine Wade mit der hohlen Hand. Dann:
  „Man kann sich gar nicht vorstellen, dass die mal tot sein soll.“
  „Du meinst tot?“
  „Ja.“
  Er sieht seine Wade an. Kann nichts daran entdecken, sucht mit offenem Mund ihren Mund, zischt, kurz vor der Berührung:
  „Ich liebe dich …“
  Sie lässt ihn ihre Zunge ansaugen, befreit sich:
  „Und ich dich und mich.“
  Er setzt nach, aber mit der Linken zieht er gleichzeitig das Hosenbein über die Wade. Während des Küssens muss er nachgedacht haben. Jedenfalls schickt er noch einen Satz hinterher:
  „Du weißt wie das endet: aus guten Gründen tot.“
  Sie lacht. Er imponiert ihr. Aber das ist sofort vorbei, als sein Handy klingelt und er immer noch so seinen Gedanken nachhängt, dass er sich mit „Wiedersehen“ meldet.
S.206f

Alles auf den Punkt gebracht und sehr fein und sehr klar herausgearbeitet. Selbst die folkloristischen Elemente. Landsmannschaftliche sowieso. Man riecht förmlich den ‚Sonntagsbraten‘. Faszinierend.

Roger Willemsen: Deutschlandsreise. Fischer-TB, Frankfurt am Main April 2004. Hier: 12. Auflage 2016

PS.:Es gibt nichts Neues unter der Sonne, so steht es auch beim Prediger Salomo. Nein, das gibt es wohl nicht. So weit, nicht gut. Dieser Satz ist frivol und anstößig. Wie kaum ein Satz, ist er großartig und gewaltsam. Er könnte dich erdrücken.

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From → Liebe, Sprache

5 Kommentare
  1. mickzwo permalink

    Hat dies auf Alles mit Links. rebloggt.

    Gefällt mir

  2. Herrlich – sowohl die ungestüme Fettleibige als auch die tote Wade. Du hast mich sehr neugierig gemacht, lieber Mick. Vielen Dank für diesen Tipp! Liebe Grüsse, Peggy

    Gefällt 1 Person

  3. Das habe ich entzückt bis obergerne gelesen – und möchte mir das kleine wilde Wort „ungestüm“ mitnehmen für mein Wort des Tages, ja?
    Gruß von Sonja

    Gefällt 1 Person

Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Deutschlandreise – #Literatur

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