Skip to content

Die Strasse der Ölsardinen

26. August 2016

„Frühmorgens in Cannery Row – das ist die Stunde ihrer Verzauberung. Die Straße schwebt zeitlos in silbrigen Licht.“ S.83

Diese Sätze sind banal alltäglich, weil allgemeingültig. Sie sind einfach schön und ebenso wahr. Gerade auch, wenn man diesen Ort noch nie gesehen hat und diese Geschichte als Parabel begreift. Es war aufgeräumt und ordentlich als ich einmal dort war und es herrschte da eher solides touristisches Treiben – nichts Originales.

  „Es gibt Seegetier von so heikler Beschaffenheit, daß es einem unter den Händen zerbricht oder zerrinnt, wenn man es fangen will. Man muß ihm Zeit lassen, bis es von selbst auf die Klinge kriecht, die man ihm hinschiebt, und es dann behutsam aufheben und in einen Behälter mit Meerwasser gleiten lassen.
   Auf ähnliche Art muß ich wohl dieses Buch schreiben: die Blätter hinlegen und es den Geschichten überlassen, darüber hinzukriechen.“
S.9

Ob der Autor dieser Strategie treu geblieben ist? Wir können ihn schließlich nicht mehr fragen. Steinbeck erzählt uns eine Geschichte aus Kalifornien, genauer: aus dem Fischerörtchen Monterey mit dem Western Biological Labor in der Cannery Row. Er beschriebt den Ort als sehr ärmlich und provinziell.

  „Auch Mack und die Jungens drehen sich freischwebend in ihren Bahnen. Sie sind die Grazien, die Reize, die Tugenden in dem verrückten Wirbel von Monterey, im Kosmos und Chaos der Staaten, darinnen Menschen in Hunger und Angst sich im Kampf um Nahrung und Sicherheit ihren Magen verderben und Leute, hungernd nach Liebe, alles rings um sich her zerstören was liebenswert ist.“ S.19

  „Unser Vater, der du bist in der Natur und überleben läßt den Kojoten, die Wanderratte, die Schmeißfliege, den Spatz und die Kleidermotte, du mußt eine unermeßliche, überwältigende Liebe hegen für Taugenichtse, Schandflecke und Stromer und Mack und die Jungens, Tugenden, Grazien, Lässigkeit, Wohlbehagen.
  Unser Vater, der du bist in der Natur….“
S.20

  „Doc konnte sich jeden Unsinn anhören und ihn in etwas Sinnvolles verwandeln. Sein Denken kannte keine Schranken; seine Zu- oder Abneigungen konnte niemand beeinflussen. Mit Kindern sprach er über die tiefsten Dinge so, daß sie alles verstanden.
   Er lebte in einer erregenden Wunderwelt. Er war lüstern wie ein Kaninchen und sanft wie ein Reh. Jeder, der ihn kannte, hatte ihm etwas zu danken, und wer an ihn dachte, dachte zuerst: Ich möchte ihm gern einmal eine Freude bereiten.“
S.31

So nimmt die Geschichte ihren lauf: „Doc nickte, und wieder ertönte in seinem Kopf die Musik, Entsagung und Klage in einem. Er wußte alles, was da geschehen war, und verstand.“ S.124

Eine Geschichte die – oft in Form einer griechischen Tragödie daherkommt – zeigt, was Liebe bedeutet, welche Regeln sie braucht, was sie duldet. Dulden kann sie viel. Oft muss sie das auch.

Die kürzeste Distanz zwischen a und b ist eine Gerade. Für Mathematiker ist so etwas mitunter wichtig.

Dass es nichts Neues unter der Sonne gibt, ich erwähnte es bereits an anderer Stelle – auch die Quelle dieser Überzeugung. Mitgenommen jedoch habe ich von dieser wunderbaren Geschichte, dass es nicht mal neue Menschen dafür braucht.
Vorhandene Menschen können auch damit umgehen.

John Steinbeck: Die Strasse der Ölsardinen. Roman 1953. Steinberg-Verlag, Zürich. ISBN 3 548 02233 2. Hier: Ullstein-TB Nr.233

Dazu lässt sich gut hören True North von Tina Dickow.

Advertisements

From → Liebe

9 Kommentare
  1. Ich mochte den Film mit Nick Nolte…

    Gefällt 1 Person

  2. Das stand bislang noch ungelesen in meinem Bücherregal. Habs jetzt mal hervorgeholt. Vielen Dank für die schönen Zitate und Deine Gedanken dazu. Liebe Grüße und schönes Wochenende!

    Gefällt 1 Person

  3. ein wunderbares Buch, habe es letzten Sommer gelesen und sehr geliebt:
    https://bingereader.org/2016/03/26/tortilla-flat-john-steinbeck/
    Liebe Grüße 🙂

    Gefällt 1 Person

  4. „Dulden kann sie viel. Oft muss sie das auch.“ Schön. Banal? Nein. Aber allgemeingültig.

    Gefällt 1 Person

    • mickzwo permalink

      Ich hätte auch trivial schreiben können. Es ist alltäglich und gewöhnlich. Aber es ist nicht abwertend gemeint (siehe dazu auch http://www.duden.de/rechtschreibung/banal. Trotzdem könnte ich das Wort ‚banal‘ durch ‚alltäglich‘ ersetzen. Es ist nur so für mich, dass es überall so ist, bzw. sein kann und es hätte genauso viel Charme.
      Ich liebe diese Geschichte über alles. Und es täte mir weh, wenn ich mich hier missverständlich ausgedrückt hätte.

      LG, mick.

      Gefällt mir

Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Die Strasse der Ölsardinen – #Literatur

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: