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Die Reise nach Triest

8. September 2016

Wenn man den Erzählungen folgt, dann hat der Vogel Strauß bei Gefahr eine bemerkenswerte Strategie.

Soviel ist klar: Professor Montag wird sterben. Er ist krank und es ist kein Schnupfen. Das ist aber auch schon alles, was an Klarheit hier vermittelt wird. Das wann, wie und wo bleibt im dunkel… Alles was nun passiert, passiert aus der Sicht des Professors. Immer.

Und es passiert eine Menge, das irritiert den Professor. Es wirft ihn allmählich aus der Bahn. Die anderen, wie es scheint, auch. Lange schiebt er es an die Seite. Statt dessen soll es mit der Familie in die Sommerfrische nach Sizilien gehen. Daran wird sich auch gehalten.

Der Professor ist nun mal ein Bestimmer-Kind!

Einmal, auf der Reise, hatte Professor Montag einen Traum:
  Vor ihm erhoben sich, und als würden sie vom Wind bewegt, unzählige Blätter trockenen Laubs, wirbelten durcheinander und fielen, sie hatten sich keine drei, vier Meter entfernt, wieder zu Boden. Dies geschah ruckartig und als würden sie von unsichtbarer Hand hierhin und dorthin gezogen. Er versuchte, dem Vorgang, der sich wiederholte, näherzukommen, und nun sah er, daß es keine Blätter, sondern junge Vögel waren, noch ganz unbestimmt in ihrer Färbung, und sie wichen, offenbar waren sie auf Nahrungssuche, immer wieder vor ihm aus.

Er mußte lächeln. Ein leichtes Erschrecken darüber, daß er sich getäuscht hatte, dann ging er rascher und entschlossener waldeinwärts, und nachdem er eine Schonung junger Kiefern durchschritten hatte, betrat er ein freies Feld, das baumlos und von harten Gras überwachsen war. Es glich einer Heidelandschaft, hier und da zeigten sich Büsche, ein breiter Reitweg durchzog das Ganze wie eine sandige, aufgerissene Spur.

>Hier müßte es wimmeln von Leben<, dachte er, spürte aber die Stille ringsherum, und daß der Wind, der sich eben noch, sogar in der Kiefernschonung bemerkbar gemacht hatte, nachließ. S.75-76

Zwar ist es aus der Vogelperspektive erzählt, aber bis jetzt immer aus der Sicht des Professors. Ausser in dem Traum, wirkt er alles andere als entschlossen.

Und später:   >Was erwartet mich jetzt?< dachte er, (…) S.77

Zum ersten Mal sprüren wir, dass sich der Professor mit seinem eigenen Tod auseinandersetzt. Weiter vorne wird das Thema dieser Erzählung genannt:
  „Da-sein heißt: Hineingehaltenheit in das Nichts.“ S.29 Es verwundert nicht, das der Professor diesen Ansatz seinen Studenten jedesmal als „lebensfeindlich“ * erklärt.

Überhaupt verstand sich der Professeor auf’s erklären. Ein wahrer Meister in der Akklamation. Die Unterhaltung, also das, was landläufig unter Kommunikation zählt, lag ihm weniger. Da hatte der Professor – wie auch seine Umwelt – so einiges zu Lernen, auf zu arbeiten. Ob sie es tun? Das bleibt offen.

Nicht immer schön, diese Geschichte, jedoch so bestürzend und einleuchtend. Es kommt auf die Details an. Faszinierend!

Hartmut Lange: Die Reise nach Triest. Novelle. Diogenes, Zürich 1991.
ISBN 3 257 01886 x (In einer Bücherkiste, abgestellt und gefunden! Fischland, Ostsee.)

* S.29, ebendort

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From → Liebe, Sprache

10 Kommentare
  1. „Die Unterhaltung, also das, was landläufig unter Kommunikation zählt, lag ihm weniger.“, wäre 1 Satz, den der Herr zitter zitieren würde. Schön!

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  2. Heute ist anscheinend Reisetag Richtung Italien…:)…

    Gefällt 1 Person

    • mickzwo permalink

      Wie kommt das?

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      • Irgendwie kitzeln vielleicht die vermutlich letzten sommerlichen Sonnenstrahlen eine Sehnsucht nach mehr davon hervor…Sommer assoziiert Leben, Freude und da passt es auch, dass der Professor über herbstliche Landschaften nachdenkt.

        Grüßle, Diander

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        • mickzwo permalink

          Ich, für meinen Teil, hatte das Buch Kleine Lichter schlicht zu früh ausgelesen. Da brauchte ich Ersatz. Ich habe diese Novelle in einer Buchkiste entdeckt, die am Wege stand. Und das blind, ich hatte meine Lesebrille nicht dabei. Wenn ich in dem Ort eine andere Straße genommen hätte, ich wäre diesem Titel nie begegnet. Die Entscheidung darüber hier zu berichten, kam erst mit dem Lesen.
          Danke für Deine Gedanken.

          Viele Grüße, mick.

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  3. Liest sich spannend!
    Danke, für die die Vorstellung!
    Liebe Grüße, Elke

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