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Glück (Flieger stören Langschläfer)

23. September 2016

Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;
Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.
*

Von zufrieden kann keine Rede sein. Aufgewühlt. Aufgewühlt bin ich. Das trifft es.

„Eigentlich will Judith nach dem Studium ihre Dissertation schreiben. Doch ihr langjähriger Freund Abel ist irgenwie im Langschläfer-Modus. Judiths Untersuchungen werden mehr und mehr zu einer Methodik, die Dämonen des Alltags zu durchleuchten.“ **

Zu dem drängelt sich noch eine Dreiecks-Beziehung in die Verhältnisse: Judith, Abel und Agnes.

„Ich habe ein abgeschlossenes Studium in Religionswissenschaften und entschied mich, irgendeine Untersuchung zur Bedeutung des Schattens im Alten und Neuen Testament zu machen. Ein verlorenes Thema – niemand interessiert sich dafür.“ S.11

Doch was jetzt kommt ist alles andere als ein verlorenes Thema. Diese Erzählung wandelt sich allmählich aber merklich in eine zeitlose Geschichte. Und dies geschieht durchaus mit Ansage.

„Niemand weiß so genau, was die eigentliche Lebensschwierigkeit ist, die aus jungen Menschen in allen Jahrhunderten immer wieder Schmerzensmänner macht. Als ich Abel kennengelernt hatte, war er ein Reh, das sich in meine Handschalen legte, fest umschlossen von meinen Fingern – ich hatte ihn sorgsam mit mir herumgetragen.“ S.13

Plötzlich lugt von irgendwoher eine Debatte um die Gentrifizierung um die Ecke.

„Berner Städter wohnen in kleinen Zimmern, die nur zum Schlafengehen genutzt werden. Die restliche Zeit verbringt man in den Strassen, in Bars und den umliegenden Cafés. …“ S.13

Im Sommer ist das pittoresk, im Winter ist es bitterlich. Flieger stören Langschläfer. Was soll das jetzt? In diesem Zusammenhang? Und dann noch in der – ach so – aufgeräumten Schweiz. Ich nehme es hin.

„Hätte Huckleberry Finn Tom Sawer im Stich gelassen? Nie im Leben!“ S.67 Vielleicht bin ich deswegen nicht überrascht. Wer weiß das schon.

Niemals hätte ich es mir verziehen, wenn ich, nach der Besprechung, diese Geschichte nicht gelesen hätte. Warum bin ich also nicht überrascht von all dem?

Diese Geschichte ist aus der Sicht von Judith erzählt. Sie zweifelt, sie hadert und ebenso empfindet sie Glück und Geborgenheit. Sie nimmt sich der Verantwortung, die sie glaubt zu haben, an.

Judith kann gar nicht anders. Dabei wird das Alltägliche untersucht und eingeordnet. Ventiliert. Sie kommt dabei oft zu merkwürdigen Ergebnissen.

„Wirklich kennengelernt habe ich Agnes irgendwo an einem Randstein. Ich war wie immer zu Fuss unterwegs. Auch bei Regen winke ich gewöhnlich Autofahrer weg, die auf dem Asphalt langsamer rollen, um mir ihre Hilfe anzubieten. Ich verliere nicht gerne die Kontrolle über meine eigene Situation und gebe sie an andere ab. Plötzlich hielt ein Auto neben mir auf der Strasse, jemand öffnete umständlich vom Fahrersitz aus die Beifahrertüre. Als der Wagen mit der farbigen Kühlerhaube neben mir stoppte, schielte ich kurz ins Innere und wich von meinem Vorsatz ab. Warum, weiss ich nicht mehr. So sank ich mit meinem regennassen Parka in die Polster des Beifahrersitzes und schob meine Turnschuhe auf die Fussmatte. Mein rotes Haar klebte am Kopf fest und der Kajal war sicher verschmiert. Ich fragte Agnes noch bevor sie abfuhr, ob sie das oft mache und sagte lachend im Scherz: >>Was ist, wenn du mal einen Terroristen mitnimmst?<>Und was ist, wenn du mal bei einem Psychopathen ins Auto einsteigst?<<, entgegnete sie lachend.
  Dass ihre Aussage wahr war, erfuhr ich erst später." S.84-85

„(…) Ein modernes Anti-Sittengemälde, das keine Klischees aufbricht, sondern von vorneherein andersartige Parameter setzt.“ **

„Wenn ich Glück brauche, gehe ich auf eine dieser gratis Toiletten. Obendrüber rollt eine S-Bahn, sodass jedes Mal die Wände leicht zittern. Schwarz-weisses Schachbrettmuster an den Wänden und grau der Boden. Das Porzellan ist sauber, nur die hölzernen Abtrennungen sind teilweise gesplittert und man kann nicht alle Abteile schliessen, weil die Vorrichtungen kaputt sind. Wenn ich dann vor einer WC-Schüssel stehe, werfe ich eine Münze ins Wasser und wünsche mir Glück. Sie verschwindet auch bei mehrmaligem Spülen nicht und niemand wird sie herausholen. Nein, das, was wir hier haben, ist das Paradies. Viele Menschen haben eine falsche Vorstellung vom Paradies. Sie denken an wilde Tiere, die einander nicht fressen und in Frieden miteinander leben. Der Tiger küsst das Kaninchen. Aber wenn jemand gegen Regeln verstösst, wird er für immer aus dem Garten vertrieben in eine wüste Welt. …“S.97

Ein Zug durch die Clubs der Stadt gibt den Startschuss für das Ende. „Man wird schlauer im Alter.“ S.110 Von klüger steht da nichts. Und ich glaube, das ist kein Zufall. Die Schatten bleiben. Sie begleiten uns ein Leben lang.

Zum Ende der Geschichte sagt unsere Erzählerin noch folgenden Satz: „Es gibt kaum etwas, das die Welt ruinieren könnte, man kann nur an den eigenen Emotionen scheitern.“ S. 151

Fiktion oder nicht. Bei allen Haken und Ösen ist es eine wahrhaft faszinierende Geschichte.

Sabine Hunziker: Flieger stören Langschläfer. Roman, 2016. Septine-Verlag, Wien. ISBN: 978 3 902711 52 6
** Text auf dem Umschlag, hinten.
* Goethe, aus dem Prolog des Faust I

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From → Liebe, Sprache

7 Kommentare
  1. Du hast kluge Sätze und spannende Passagen herausgefischt, am meisten gefällt mir, dass man nur an den eigenen Emotionen scheitern kann, da nicke ich-
    ich danke dir und sende herzliche Grüsse
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

  2. *schmunzel* klasse Buchbesprechung!

    Gefällt 2 Personen

Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Glück (Flieger stören Langschläfer) – #Literatur

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