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Daldossi oder das Leben des Augenblicks

24. November 2016

Ehret ihr immer das Ganze, ich kann nur Einzelne achten,
Immer in Einzelnen nur hab ich das Ganze erblickt.

Friedrich Schiller, ‚Das Ehrwürdige‘ 1796

Als der Kriegsphotograph Bruno Daldossi von seiner Lebensgefährtin Marlis verlassen wird, verliert er vollkommen den Halt. In seine Trauer um den Liebesverlust mischt sich immer stärker die Frage, wie mit dem Leid der Welt, das er in seinen Bildern festhält, umzugehen ist. Wie viel Wahrheit halten wir aus? Wie viel Einfühlung, wie viel Nähe sind uns möglich. Daldossi freundet sich mit der Journalistin Johanna Schultheiß an und reist ihr nach Lampedusa nach, wo die Reporterin über afrikanische Frauen berichten soll. Schließlich übernimmt Daldossi zumindest für eins der Schicksale, die seinen Weg gekreuzt haben, Verantwortung. *

Wo kamen diese Fragen plötzlich her? Selten hatte er ein so beklemmendes Gefühl bei einem Buch. Dieses namenlose Leid und dieser professionelle Blick darauf. Eine gnadenlose Mischung, wie er fand.

Zurück zum Anfang. Cool Pains, da wo er den Hinweis auf dieses Buch zuerst sah, suggeriert doch im Untertitel Schönes. Er bestellte sich das Buch.

Natürlich bestellte er es. Beim Lesen der ersten Seiten wurde ihm schlagartig klar, was er da vor sich hatte. Seine, ihm eigene, Ungenauigkeit hatte ihm wieder einen Streich gespielt. Erstmal wurde ihm schlecht. Er wunderte sich darüber nicht.

Ob es Angstlust war, was ihn antrieb? Bestimmt nicht! Was das anbelangt, da war er vollkommen humorfrei. Bei ihm wurden Ängste ernst genommen. Er hatte dann dort überhaupt keinen Platz für Schabernack. Brav kämpfte sich an der Einleitung ab. Las aber weiter.

„Graurauschen“. Er hatte in der Nacht im Zelt, als sie auf Gaddafi gewartet hatten, von seinem Leben zu erzählen begonnen. Für Schultheiß war „Graurauschen“ ein Zustand, der überall eintreten konnte, hervorgerufen durch eine leergetrunkene Minibar, durch Rostflecken in einer fremden Badewanne oder Risse in der Duschtasse, ausgelöst durch säuerlich riechende Bettwäsche oder durch das Surren der Klimaanlage. „Graurauschen“, hatte Schultheiß gesagt, sei das, was nach einen Seelenbrand übrig bliebe, innere Dämmerung und Abwesenheit von ablenkenden Geräuschen. **

Das Leben als großangelegtes Experiment mit, mehr oder weniger, Zufällen. Eher mit mehr als weniger. Er störte sich an diesem Begriff, aber so etwas hatte ihn immer interessiert. Unwägbarkeiten als Begriff war ihm lieber. Unwägbarkeiten waren in so einer Versuchsanordnung gar nicht vorgesehen. Doch sie fühlten sich sichtlich wohl, diese Unwägbarkeiten..

Solch eine Unwägbarkeit hieß dann Johanna Schultheiß; Beispielsweise. Sie war die Exfrau seines ehemaligen Reporters:  Wenn Johanna bloß schlafen könnte.

  Früher hatte sie geglaubt, die Schlaflosigkeit hinge mit ihrem Beruf zusammen, den fehlenden Arbeitsverträgen. (…)

Die Nächte empfand Johanna wie Spiegel; wenn sie lange genug hineinschaute, sah sie all das, was sie nicht zu sehen wünschte: das zunehmende Alter, verstreute weiße Fäden im Haar, Augenringe – den eigenen Körper in späteren Jahren. (S.53f)

Begehrlichkeiten aller Orten. Auch sexuelle. Als Ersatz für ein wirkliches Leben? Frauen und Männer passen zwar nicht zusammen aber sie verhalten sich fatalerweise sehr ähnlich, wenn es darum geht zu verdrängen..

In schlaflosen Nächten wie dieser stellte das Gehirn zu viele Verbindungen her, offenbarten sich zu viele Möglichkeiten. (S.54)

Er war ein visueller Mensch. Fühlte er sich zu Bildern hingezogen. Doch er hatte sich irgendwann damit begnügt, sie zurückgezogen zu betrachten, zu konsumieren. Die Darstellungen ein zu atmen, sie zu verinnerlichen. Manchmal äusserte er sich dazu. Bilder in seinem Kopf stellten sich vielversprechend dar. Vielleicht so.

Er hatte sich doch vorgenommen zu zuhören, nicht zu dozieren. Ohne Zeit ist man wohl erzogen. Ohne Zeit ist man aber kein wirklich kein angezogener Mensch.*** Es geht einfach nicht..

Ich muss weiterlesen. Dazu schwirrt mir Leonard Cohen im Kopf herum. Keine schlechte Lösung, wie mir scheint.

Sabine Gruber: Daldossi oder das Leben des Augenblicks. Roman 2016. Verlag C.H.Beck München. ISBN 978 3 406 69740 1

* Verlagstext auf den Umschlag, hinten.
** Gruber, ebenda S.27
*** Hanns Dieter Hüsch – Gerechtigkeitsfanatiker und Höflichkeitsartisten (Video auf Youtube)

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From → Liebe, Sprache

7 Kommentare
  1. … Buchmomente, die du verknüpfst rufen Gänsehaut hervor… warum Tanzen so wenige Menschen frage ich mich manchmal…

    Gefällt 1 Person

    • mickzwo permalink

      Wer Sorbas kennt, weiß das Tanz nicht nur Ausdruck der reinen Freude ist. So sehen es sicherlich auch die Tangotänzer, die Fadosänger aus Potugal oder die große Pina Bausch hatte es auch so gesehen, usf. Dabei muss es nicht mal ins Trübe gehen. Es bedeutet eben in erster Linie den Ausdruck von Gefühlen. So oder so.
      Danke für die Blumen.

      Gefällt 1 Person

  2. Du meinst, „Die Aufgabe zu erinnern statt zu vergessen“ suggeriert Schönes? Mhm, ich denke, beim Erinnern als Aufgabe geht es nicht unbedingt immer um Schönes.

    Gefällt 1 Person

    • mickzwo permalink

      Wenn ich Dich geärgert haben sollte, das täte mir Leid. Ich glaube nicht, das „Die Aufgabe zu erinnern statt zu vergessen“ etwas Schönes suggerieren will. Ich habe mich von dem Untertitel Deines Blogs leiten lassen: Du mache Feuer, und ich will Dir was Schönes zeigen: einen Ball aus Schnee. Matsuo Bashō
      Das war falsch, aber das habe ich ja auch so dargestellt. (Zumindest hoffte ich es.) Aber ich habe gefunden, dass hier jemand das Leid der Menschen möglicherweise missachtet, aus Zwecken, die ganz woanders liegen können. Im Übrigen wunderte ich mich nicht, dass mir schlecht wurde angesichts von soviel professionellem Handeln des Kriegsphotografen (der zeifellos sein Leben riskierte aber ich fragte mich, wofür tat er es.) Also: wofür?

      PS.: Ich erachte Deinen Blog für einen der Besten und als Quelle der Inspiration für mich.

      Liebe Grüße, mick.

      Gefällt 1 Person

      • Wo kämen wir denn da hin, lieber Mick, wenn ich verärgert gewesen wäre. Nein, ich hatte lediglich eine lange Leitung bezüglich des Untertitels.

        Erweitern wir den Begriff des Schönen doch einfach mal. Dass ich mich für Fotografie interessiere, ist kein Geheimnis. Aus diesem Grund habe ich das Buch gelesen und fand es toll. Mir gefiel der Kniff der Autorin, die erwähnten, vermutlich fiktiven Bilder nur zu beschreiben. Vielleicht um zu verdeutlichen, dass keine noch so explizite Fotografie einem die Gräuel des Krieges näherbringen kann. Der Reporter wiederum, der sich, warum auch immer, in diese paradoxe Situation begibt, tut dies nicht ohne Angst. Und bei Daldossi hatte ich das Gefühl, die Kamera wirkt wie ein Schutzschild. Es schafft, so widersinnig das klingt, Distanz. Richtig auf den Leib rücken ihm die Dinge ja erst in der Erinnerung.

        Ein Kritiker meinte, zum Schluss wähle er den Freitod. Das sehe ich anders. In meinen Augen macht er sich auf den Weg, um den Bruder von dieser „Wie-hieß-sie-doch-gleich?“ zu suchen. Auch ein Himmelfahrtskommando, aber ich glaube, darum geht es ihm – und überhaupt – letzten Endes: etwas ganz Konkretes zu tun.

        Bleibt noch die Frage: Wofür? Vielleicht finde ich darauf eine Antwort, wenn ich das Buch noch einmal lese.

        In aller Bescheidenheit: Ich danke Dir.

        Gefällt 1 Person

Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Daldossi oder das Leben des Augenblicks – #Literatur

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