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Daldossi oder das Leben des Augenblicks II

6. Dezember 2016

Jeder trägt seine Haut zu Markte. (trad.)

Vielleicht war er manchmal nur gut vorbereitet. Ansonsten begriff er selten etwas. Sehr selten. Situationen scheinen ein Eigenleben zu führen.

Das Glück ist einfach nicht zu unterschätzen.

  Es war nicht das erste Mal, daß er nicht mehr genau wußte, was geschehen war. Die Abfolge der Ereignisse ließ sich nicht wiederherstellen, schon gar nicht ohne Hilfe von jemand anderem, ohne die Unterstützung von Marlis.
  Daldossi sprach halblaut ihren Namen aus, atmete tief.
  Er war in Venedig. Ihretwegen. Über dem Bett hingen schlecht gemalte Landschaftsbilder. S.192

Der Kriegsphotograph befindet sich so in etwa unter dem Tiefpunkt seiner privaten und somit auch beruflichen Existenz. Das eine ist von dem anderen wohl kaum zu trennen. Vielmehr scheint es, als ermögliche das private erst das berufliche Leben.

Dass dieser Roman einfach zu lesen sei, davon bin ich sowieso nicht ausgegangen. Aber spannend war dieser Titel und das obwohl man sich denken konnte, wo die Reise hin ging. Spannend war, für mich, dass hier das Innenleben der Protagonisten – allen voran Bruno Daldossi – dargestellt werden sollte.

Zu Beginn habe ich überhaupt nicht realisiert, dass es sich hier um einen Roman handelt. Chapeau.

Sabine Gruber beschreibt in ihrem Buch wie ein Mensch, vollgepackt mit Lebenssehnsucht, vor dem immer deutlicher werdenden Hintergrund seiner Ruhelosigkeit und Zerissenheit * mit Realitäten umgeht. Eine schwierige Aufgabe. Er ist Kriegsphotograph, immer auf dem Sprung, immer bereit, der Zeit den Puls zu fühlen. Das Private geht dabei verloren.

Daldossi wußte nicht, wie lange er nun schon unterwegs war. Seit ihm Marlis abhanden gekommen war, konnte er sich nicht mehr in der Zeit bewegen.
  Das Meer war ruhig, wie es der Tauchlehrer prophezeit hatte, nur das Licht schmerzte in den Augen. Er hatte die Sonnenbrille vergessen.
  War er schon in libyschen Hoheitsgewässern?
  Und wie weit war es noch zum „Meer ohne Wasser“?
  Hier draußen fielen ihm die Seen seiner Kindheit ein: die Motiggler Seen, der Kalterer und der Fennberger See. Die Namen klangen eigenartig, als gehörten sie zu einem fremden Land, als seien sie nie Teil seiner Sprache gewesen.
  Einmal hörte er einen Helikopter, der hing schräg über ihm am Himmel, drehte dann aber ab und flog davon. S.314

Olabukonola ist der Junge aus Nigeria, auf dessen Fährte er sich da befindet und Martha Daldossi seine schon betagte Mutter. Sie sind abgebildet auf dem letzten Farbphoto das in diesem Roman beschrieben ist. Es ist datiert: Meran/Italien, 4. April 2019, privat.

Ein schwerer Roman aber ein wichtiges Buch. In guten Bibliotheken sollte es nicht fehlen. Im Handel ist es natürlich zu haben.

Sabine Gruber: Daldossi oder das Leben des Augenblicks. Roman 2016. Verlag C.H.Beck München. ISBN 978 3 406 69740 1

* S.d.a. Gruber, ebenda S.293.

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From → Liebe, Sprache

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