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Mit ’nem blauen Auge davon gekommen (war: Glück gehabt!)

13. Dezember 2016

Am 26. Feburar 2011 schrieb ich:

Meister Tipp und das deutsche Kunstlied

Neulich ging ich an einem stadtbekannten Gymnasium vorbei. Da war gerade Musikunterricht. Der Lehrer ließ seine Gruppe tatsächlich ein Lied von den Mamas und den Papas singen. California dreaming. Er versuchte es zumindest. Das ging natürlich schief.

Warum müssen sich solche Lehrschwächen eigentlich immer anbiedern? Wenn ich Eleanor Rigby in der Schule im Chor so hätte runter singen müssen, ich würde es heute hassen und den Musiklehrer auch noch!

Wir hatten Meister Tipp. Der ist hinter seinem Klavier regelrecht abgedreht wenn er uns einen Akkord noch einmal hören ließ, damit wir ihn analysieren konnten.

Am Beginn unserer Begegnung fand ich das schon ziemlich lästig und wir haben das dann auch nicht ernst genommen. Der hatte so richtig Spaß in der Backe und blühte förmlich auf, wenn man irgendwann die richtige Antwort hatte.

Das fanden einige dann komisch – ich natürlich auch – bis ich irgendwann begriff: das ist ein Freak. Genau, ein richtiger Freak war das. So habe ich das deutsche Kunstlied zerlegt. Gründlich. Zu Anfang habe ich das noch über mich ergehen lassen. Später wurde das anders.

Dass Popmusik Kunst war brauchte uns keiner zu erzählen. Das war Privatsache, und man wollte da nicht gebildet werden. Meister Tipp wurde nicht angefeindet. Es war schlimmer: er wurde belächelt, weil er immer abdrehte bei seinen Kunstliedern. Nur Idioten haben sich über den lustig gemacht und allein daran merkt man, wie viele Idioten es gibt. (Dummheit ist nicht an Epochen gebunden. So was gibt es zu allen Zeiten.)

Meister Tipp war aber gar nicht so harmlos, er war schräg und glaubte an das Kunstlied. Der hörte genau, wenn wir falsch gesungen haben und er wusste auch warum. Dann spielte er uns den Akkord noch mal vor – ohne Aufregung – und wir konnten das dann noch einmal mit singen probieren.

Nicht aus Rache geschah so etwas, wir hatten da einfach was nicht gemerkt. Das war manchmal schwer für uns – und für den Meister Tipp bestimmt auch. Der hat sich niemals angebiedert, aber er hat uns respektiert. Wer das begreifen konnte hat ihn dafür letztlich geliebt.

Ps.: Wenn dieser (…) Deutschlehrer nur einen Augenblick darüber nachgedacht hätte, was bei Meister Tipp wirklich abgeht (statt sich über den lustig zu machen), dann hätte das auch mit dem klassischen Versmaß funktionieren können.

Es ist egal worüber man nachdenkt, Gedanken lauern an jeder Ecke. Alles wird gut.

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From → Liebe, Musik

7 Kommentare
  1. Danke Meister Tipp für seine Arbeit. Ich kann bis heute keinen Akkord erkennen und bin traurig darüber. Unser Musiklehrer analysierte die Texte von Udo Jürgens auf einen sozialkritischen Inhalt. Der meinte das ernst. Musik habe ich dadurch nicht verstanden. .-(

    Gefällt 1 Person

  2. Jetzt habe ich wieder einen feinen Satz für mein Buch der Schätze gefunden – „Es ist egal worüber man nachdenkt, Gedanken lauern an jeder Ecke.“
    Vielen Dank! 🙂

    Gefällt 1 Person

  3. Mit Herz und Inbrunst (puh, was für ein verpöntes Wort) bei der Sache zu sein, hinterlässt bleibende Eindrücke. Vielleicht ist (auch) das das Geheimnis. Nicht nur das eines guten Lehrers.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 2 Personen

    • mickzwo permalink

      Danke für das Wort. Nach Inbrunst habe ich so lange gefahndet und es nicht gefunden. Das ist zwar ein alter Ausdruck, nicht sooft in Gebrauch, und schon gar nicht verpönt. Er trifft es genau: Inbrunst!! Herzblut.

      Gefällt 1 Person

Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Mit ’nem blauen Auge davon gekommen (war: Glück gehabt!) – #Literatur

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