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H – wie Habicht

17. Dezember 2016

Father you had me, but I never had you *

Dabei hatte Dad ganz genau gewusst, wie die Dinge heißen; doch in der Welt des Fotojournalisten erkannte man den Experten gerade daran, dass er die Dinge nicht beim richtigen Namen nannte. Für ihn waren Fotografien „Schnappschüsse“ und Kameras einfach „Ausrüstung“. Er zog mich nicht auf – er erwies mir die Ehre. Verdammtes französisches Vokabular aus den vierzehnten Jahrhundert. Scheiße. Scheiße, Scheiße, Scheiße. Das war so gar nicht seine Art. Ich hatte einen Klos im Hals. Meine Augen brannten und mein Herz auch. Ich schnitt das Ende des anderen Geschühriemens zu. Meine Hände zitterten. Dann legte ich die Riemen aufeinander auf die Glastischplatte. Sie passten. Morgen, dachte ich, ‚treffe ich mich am Anleger der Fähren aus Belfast mit einem mir völlig unbekanntem Mann. Ich gebe ihm einen Umschlag voller Papier und bekomme dafür eine Kiste mit einem Habicht.‘ Das Ganze war einfach unvorstellbar. S.74

Die Protagonistin erwirbt einen Habicht um ihn abzurichten. Ein wildes, ängstliches Tier; stolz, arrogant und edel droht die Tötungsmaschine immer auch mit Selbstaufgabe.

„Sie hat keine Haube mehr auf“, stellte er stirnrunzelnd fest. (…) Nicht mein Vogel.
  ‚Oh.‘ S.77 (unten) bis S.80 (oben)

Sie macht es sich nicht unbedingt leicht. Vielleicht ist es die Herausforderung; auf jeden Fall versucht sie den Händler um zu stimmen, denn sie hat sich in den anderen, kleineren und wilderen Vogel verguckt. Glaubt aber nicht, dass sie es schafft ihn, den Händler, zu überzeugen.
„In Ordnung“, sagte er. Und dann – er sah, dass ich ihm noch nicht glaubte: „Ja. Ja, das ist ganz bestimmt in Ordnung.“ S.81

Immer wieder stößt der Leser auf ihren Vater und ihr Verhältnis zu ihm:

Freundlichkeit und Liebe (…) Liebe zu einen Mann, der einen Vogel hielt, und dieser Vogel hatte Angst vor einer Welt, die er nicht verstand. Erst nach kilometerlangem Nachdenken kam ich darauf, dass es dabei um meinen Vater und mich ging. Nach seinem Tod hatte ich wochenlang vor dem Fernseher gesessen und mir immer wieder die BBC-Verfilmung von ‚Dame; König, As, Spion‘ angeschaut; Stunde um Stunde eines grobkörnigen 16-mm-Schmalfilms aus den Siebzigern, unscharf und zu dunkel auf einer alten Videokassette. S.83

Da schreibt sich einer ab. Nein ich muss genauer sein: Es ist eine, die sich da abschreibt. Das ist so gut. So gelungen, ich möchte den ganzen Roman zitieren. Das geht hier aber nicht. Ich komme langsam voran. Es dauert. Man bleibt schon das ein oder andere Mal bei Sätzen hängen.

Freundlichkeit und Liebe und die Erkenntnis darum, dass die sich fortbewegen mit der Langsamkeit und Schönheit eines Gletschers.S.83 Immer nach vorne, voll mit Momenten, die es in sich haben. Mit Allegorie aber auch mit einfachen Schlüssen, die plötzlich Aufblitzen; je nach dem … Kompliziert ist das schon des Öfteren. Hat man es einmal Begriffen, wird die Spurensuche einfacher. Wir lassen uns da überraschen.

(…)das Unsichtbarmachen musste ich nicht erst lernen, darin war ich Expertin. Und das bereits seit frühester Kindheit. Ein kleines ängstliches Mädchen, das von Greifvögeln besessen war und gern verschwand. Wie Jumbo aus ‚Dame, König, As, Spion‘ war auch ich ein guter Beobachter. Immer schon. Als Kind war ich oft auf den Hügel hinter dem Haus geklettert und in meine Lieblingshöhle unter dem Rhododendronstrauch gekrochen; wie ein Miniatur-Heckenschütze hatte ich mich auf dem Bauch unter die überhängenden Zweige geschlängelt. Da lag ich nun in meinem geheimen Fuchsbau, die Nase nur wenige Zentimeter über dem Boden, atmete den farnigen, sauren Geruch der Erde und sah auf die Welt unter mir in dem wohligen Gefühl, unsichtbar zu sein, selbst aber alles sehen zu können. Beobachten, nicht handeln. Sich in der Unsichtbarkeit sicher fühlen. Sich willentlich unsichtbar zu machen kann zur Angewohnheit werden, die einem im Leben allerdings nicht weiterhilft. Glauben sie mir: Sie hilft nicht. Nicht mit Menschen, nicht mit der Liebe, nicht, wenn es ums Herz geht oder darum, sich ein Zuhause zu schaffen, nicht bei der Arbeit. Doch beim Abtragen eines Greifvogels ist die Fähigkeit sich unsichtbar zu machen, in den ersten Tagen die wichtigste überhaupt.“ S. 98f

Ein toller Griff. Bis jetzt bereue ich nichts. Unfassbar.

Helen Macdonald: H – wie Habicht. Roman. Ungekürzte Ausgabe im Taschenbuch. 1. Auflage 2016. Aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer. Ullstein-Verlag 2015. ISBN 978 3 548 37672 1

* John Lennon, Mother.

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From → Liebe, Sprache

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  1. [Alles mit links] H – wie Habicht – #Literatur

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