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H – wie Habicht (Teil zwo)

18. Dezember 2016

Der Buchfink rief wieder. Wie du lernst, was du bist. Hatte ich das beobachten von meinem Vater gelernt? S.102

Henri Cartier-Bresson hat das Gelingen einer guten Fotografie einmal als ‚ausschlaggebenden Moment‘ bezeichnet. (…) Die Aufnahme entstand aus einem tiefen Blickwinkel: Dad muss sich auf den Gehweg gekauert haben, um sie zu machen. Der Mann beugt sich nach unten, sein Besen aus Birkenreisig lehnt an seiner Seite. Er hat einen Handschuh ausgezogen und hält zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand einen Krümel Brot, den er einem Spatzen im Rinnstein anbietet. Dad hat den Auslöser genau in dem Moment gedrückt, indem der Spatz auf den Mann zuhüpft und ihm den Brotkrümel aus der Hand frisst. Der Ausdruck auf dem Gesicht des Mannes ist pure Glückseligkeit. Das Gesicht eines Engels. S.104 (vergl. auch den Anhang, der Verf. …)

Was ist Wahrheit? Sie traut dem nicht. Will sich von dem Gedanken befreien. Verwirft ihn Angesichts des Habichts, jetzt:

Die Zeit verging. Wilde Greifvögel kröpfen, so viel sie können, und kommen dann tagelang ohne Nahrung aus. Ich wusste, dass der Habicht heute nicht von meinem Handschuh fressen würde. Sie hatte Angst, keinen Hunger und empfand die Welt um sich herum als Beleidigung. Wir brauchten beide eine Pause. Ich setzte ihr wieder die Haube auf. ‚Da.‘ Aufflammende Panik, ein Nervenbündel; dann entspannte sie sich, denn der Tag hatte sich in Nacht verwandelt, und ich war verschwunden. Und mit ihr die Angst. Ich hatte ihr Dunkelheit geschenkt, sie gewissermaßen hinters Licht geführt – ein uralter Trick und ein verzeihlicher obendrein. S. 104f

Ich bin froh, diesem Roman begegnet zu sein. Genau jetzt. Er drängelte sich mir nicht geradezu auf, schon allein vom vordergründigem Thema her. Greifvögel sind nicht so meins.

Die Falknerin unternimmt eine Reise zu alten Schriften über das Handwerk des Falkners, zu sich selbst und ihrem Habicht, zu ihrem Vater und dessen Handwerk… Dabei räumt sie gehörig auf, mit Mythen und Alt-hergebrachtem. Schafft, da wo es ihr notwendig erscheint auch Neues. *

Und dann diese Genauigkeit in der Beobachtung. Bis jetzt ist dieses Buch gut durchkomponiert. Keine Bemerkung ist überflüssig und es bleibt noch so viel zu entdecken. Kurz: Für mich ist es einfach spannend.

Helen Macdonald: H – wie Habicht. Roman. Ungekürzte Ausgabe im Taschenbuch. 1. Auflage 2016. Aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer. Ullstein-Verlag 2015. ISBN 978 3 548 37672 1

* Siehe dazu auch den Anhang – insbesondere zu den Kapiteln 4, 7 und 8

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From → Liebe, Sprache

5 Kommentare
  1. Das war im übrigen auch etwas, das mich verstört hat, diese Willensbrechung…..aber sie bezieht sich ja nicht nur auf Habichte, wir Menschen machen das ja mit allen Tieren, die wir domestizieren.

    Gefällt 2 Personen

  2. Das Buch ist eindringlich. Es hat mich beim Lesen gefangen genommen und wirkte lange nach. Aber vor allem hat es mich erschüttert. Warum, das habe ich hier geschrieben. Ein herzlicher Gruß.

    https://tangofiligran.wordpress.com/2015/12/08/h-wie-habicht/

    Gefällt 3 Personen

Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] H – wie Habicht (Teil zwo) – #Literatur

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