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H – wie Habicht und „The Boxer“ (gerne auch lauter)

26. Dezember 2016

Wer keinen Standpunkt hat, braucht auch keinen zu verteidigen.

Der Roman ist da kompromisslos. Es geht nicht um einen Habicht oder um Macht über irgend wen. Vordergründig schon. Der Roman ist Mittel zum Zweck.

Auf dem Weg nach Hause war ich von einer großen, schlichten Traurigkeit erfüllt. Ich vermisste meinen Dad. Ich vermisste ihn sehr. Der Zug fuhr in eine Kurve, die Sonne fiel durch das Fenster und tauchte die vorbeiziehenden Felder in ein silbriges Licht. Ich schloss die Augen und dachte an die Spinnenseide. Ich war darauf herumgelaufen und hatte sie nicht gesehen. Ich hatte nicht gewusst, dass sie da war. Plötzlich zuckte mir der Gedanke durch den Kopf, dass das Dürftige und verkehrte der Welt vielleicht nur eine Illusion ist; dass die Dinge noch immer richtig und real sein könnten, auch wenn ich das nicht bemerkte. Dass ich mich nur am richtigen Ort befinden und Glück haben müsste, damit sich mir die Welt wieder als real und richtig und schön offenbarte. Die Sonne auf der Fensterscheibe, die Erinnerung an das spinnenglänzende Feld, das furchtbare Lachen und der Trost unseres morgendlichen Treffens müssen den Panzer des Schweigens, den ich seit Monaten getragen hatte, aufgeweicht haben, denn auf einmal war die Wut in mir verschwunden. S.208

So etwas denkt man sich nicht aus. Und so etwas erinnert man nicht, mal so eben. So etwas prägt dich, verfolgt dich und lässt deine Gedanken nicht mehr los. Bis zu dem Punkt wo du aufgefressen wirst oder in die Lage kommst, selbst los zu lassen und etwas neu zu beginnen.

Und es wird noch schwieriger, wenn man das Vertrauen in die Welt verloren hat und das Herz im eigenen Leib zu Asche geworden ist. S.219

Ein verstörendes Buch das viele vor den Kopf stösst: Moderne und altmodische Falkner, Veganer und Hipster aller Arten usf. Es schert sich um so etwas alles nicht. Bei aller Verwobenheit kommt es mir ziemlich gradlinig vor. Wer sich darauf einlässt lernt auch etwas über Greifvögel und das Fliegen, nicht nur mit Greifvöglen.

Da macht man schon was mit. Es lohnt sich.

Ps.: Bei all dem schwebte mir Paul Simon mit „The Boxer“ vor. Und ich wurde fündig. (www.youtube.com/watch?v=sstgcbGsew0)

Helen Macdonald: H – wie Habicht. Roman. Ungekürzte Ausgabe im Taschenbuch. 1. Auflage 2016. Aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer. Ullstein-Verlag 2015. ISBN 978 3 548 37672 1

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From → Liebe, Musik, Sprache

5 Kommentare
  1. Jedes Lebewesen ist ein Bindeglied zwischen mir und der Gesamtheit allen Lebens zu allen Zeiten, so lautet ein Ausspruch Bernd Heinrichs, dem Autor der Bände „Die Seele der Raben“ und „Ein Forscher und seine Eule“. Beim Lesen von H – wie Habicht hatte ich u.a. auch seine Bände vor Augen, obwohl die Beweggründe zum Schreiben beider Autoren anderer Natur waren und sind.
    Es sind Bücher, auf die man sich einlassen muss, Macdonald ist sperrig, manchmal verschroben. Ich habe eben erst entdeckt, dass Du diesem Buch drei Einträge gewidmet hast…..da macht man schon was mit…es lohnt sich -:)))
    Mit nachweihnachtlichen Grüßen vom Dach in Hanau, Karin

    Gefällt 2 Personen

    • mickzwo permalink

      Wenn man den letzten Beitrag hinzunimmt, dann habe ich den Buch sogar fünf Artikel gewidmet. Das kam einfach so. „Jedes Lebewesen ist ein Bindeglied zwischen mir und der Gesamtheit allen Lebens zu allen Zeiten..“ Das ist wohl so. Aber Menschen sind eben auch Allesfresser. Das ist wohl auch so. LG, mick.

      Gefällt 1 Person

  2. Du bist schuld, dass ich dieses Buch zum zweiten Mal von der Bücherei nach Hause geschleppt habe. Beim ersten Mal bin ich gescheitert. War wohl noch nicht so weit. Jetzt lese ich es, folge Helen und Mabel und finde es merkwürdig fesselnd, berührend, nachvollziehbar, auch kompromisslos und gradlinig, wie du schreibst. Besonders. Danke dafür.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 2 Personen

Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] H – wie Habicht und „The Boxer“ (gerne auch lauter) – #Literatur

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