Skip to content

H – wie Habicht (das Ende)

30. Dezember 2016

Den Sinn? Es gibt einen Sinn? * S.305

White war der Meinung, das Abrichten eines Greifvogels sei wie eine Pychoanalyse. Das Abrichten eines Habichts war seiner Meinung nach das Erziehen einer Person, nur dass diese Person kein Mensch sondern ein Vogel war. Ich sehe mich mittlerweile mehr als Kaninchen denn als Habicht. Mit einem Habicht zu leben ist , wie einen Eisberg anzubeten oder ein Geröllfeld, über das der eisige Januarwind fegt. (…) Ich liebe Mabel, doch das was zwischen uns geschieht ist nicht menschlich. S.305

Sie hatte sich eine ausgewachsene Depression zugezogen, sie sucht sich professionelle Hilfe.

Ich kenne den Arzt nicht; er ist klein, dunkelhaarig und trägt einen gepflegten Bart, rote Hosenträger und ein zerknittertes Baumwollhemd. Er sitzt an einem Holzschreibtisch. „Hallo“, begrüßt er mich. „Setzen Sie sich bitte.“ Ich setze mich. Sehe auf den Schreibtisch. Eiche. Ich denke an Bäume und an Winter. „Was führt Sie zu mir?“ Ich erzähle ihm, dass ich möglicherweise depressiv bin. Dass in den letzten Monaten einiges geschehen ist. Mein Vater ist gestorben.
  „Das tut mir sehr leid“, sagt er.
  Dann erzähle ich ihm, dass ich keinen Job mehr habe, und kein Geld mehr verdiene. Dass ich auch keine Wohnung mehr habe. Das klingt nicht besonders plausibel, also erzähle ich ihm mehr. Und noch etwas mehr. Mittlerweile fällt es mir schwer, mit dem Reden aufzuhören. S.306

In dem Roman kommt immer wieder die Sprache auf den Vater, die Schriften von T.H.White, Mable – ihren Habicht und da ist jetzt ein Arzt, den sie (auch) nicht kennt.

Ob sie ihm folgt? Das wird man sehen. Erst einmal sorgt sie sich um ihr Verhältnis zu Mable, dem Habicht. Sie isoliert sich vollkommen von dem, was man gemeinhin ’soziales Leben‘ nennt.

Der amerikanische Schriftsteller und Ökologe Aldo Leopold hat die Falknerei einmal als Balanceakt zwischen Wildheit und Zahmheit bezeichnet – nicht nur bezüglich des Greifvogels, sondern auch im Herzen und Geist des Falkners. Aus diesem Grund hielt er die Falknerei für das perfekte Hobby. Ich habe mittlerweile das Gefühl, in dieser Balance zu sein: Der Abstand zwischen mir und Mable vergrößert sich. Ich erkenne jetzt, dass ihre Welt nicht die meine ist, und ein Teil von mir ist erstaunt, dass ich soetwas je denken konnte. S.320f

– Bleibt noch der Vater. Der ist doch tot. – Ja und?

Wir trösten uns mit Bildern und fegen die Hügel der Geschichte blank.
  Und nicht nur die Hügel der Geschichte – auch die des Lebens. S.364

Sie macht wieder eine Entdeckung. (Die vielleicht jeder irgendwo mal machen wird – früher oder später..)

‚Du musst Geduld haben‘, hatte er zu mir gesagt. Wenn du etwas unbedingt sehen willst, musst du geduldig sein und warten. Mein Warten war nicht geduldig, aber die Zeit war trotzdem vergangen und hatte ihren sorgsamen Zauber gewirkt. Als ich dastand, das Stück Pappe in der Hand und seine Ränder befühlte, hatte sich meine Trauer in etwas anderes verwandelt. In schlichte Liebe. Ich steckte den Karton wieder in das Bücherregal und flüsterte: „Ich liebe dich auch, Dad.“ S.368

Die Vergesslichkeit ist hilfreich. Sie trennt Unwichtiges von Wichtigem. * Alles wird gut.

Helen Macdonald: H – wie Habicht. Roman. Ungekürzte Ausgabe im Taschenbuch. 1. Auflage 2016. Aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer. Ullstein-Verlag 2015. ISBN 978 3 548 37672 1

* u.a. hier: Zeit ist dehnbar, mick

Advertisements

From → Liebe, Sprache

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: