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Das Fest der Bedeutungslosigkeit

8. Januar 2017

Erasmus v. Högendorf verstarb übrigens vor etwa dreihundert Jahren schon an der Erkenntnis, dass das Leben zu Ende gelebt werden muss.*

Die Revolte auf der Toilette **

Der Plot klingt einfach. Dazu ist der Roman so ein schmales Bändchen. Vier alte Freunde treffen sich im Paris des beginnenden dritten Jahrtausends anlässlich einer Party wieder. Sie sind wohl alle ins Exil gegangen, als der Prager Frühling ein Ende gefunden hatte. Es sind die alten Geschichten, die sie beschäftigen.

„Sie faszinieren mich, diese Genossen Stalins“, fuhr Charles fort. „Ich stelle mir vor, wie sie im Toilettenraum ihre Empörung herausschreinen! Sie hatten so lange auf diesen schönen Moment gewartet, in dem sie endlich laut würden sagen können, was sie denken. Aber da war etwas, was sie nicht ahnten: Stalin beobachtete sie und erwartete diesen Moment mit der gleichen Ungeduld! Liebe Freunde, ich sehe ihn! Leise auf Zehenspitzen schleicht er durch einen langen Korridor, dann legt er das Ohr an die Toilettentür und lauscht. Die Helden des Politbüros schreien, stampfen mit den Füßen, verfluchen ihn, und er, er hört sie und lacht. ‚Er hat gelogen! Er hat gelogen!‘, brüllt Chruschtschow mit schallender Stimme, und Stalin, das Ohr an die Tür gepresst, oh ich sehe ihn, ich sehe ihn, genießt die moralische Entrüstung seines Genossen, er lacht laut heraus wie ein Verrückter und versucht nicht einmal, die Lautstärke seines Lachens zu mäßigen, weil die in der Toilette, die ebenfalls brüllen wie Verrückte, ihn nicht hören können in dem Getöse.“ S.35

Unter der Überschrift Das Ende eines Traums nimmt Kundera den Faden wieder auf:

 Am Kopf des großen Tischs sehe ich unbewegt Stalin sitzen, der knurrt: „Beruhigt euch, ihr Memmen! Wovor habt ihr Angst?“ Dann lauter: „Setzt euch, die Sitzung ist noch nicht geschlossen!“
  Neben dem Fenster raunt Molotow: „Josef, da braut sich etwas zusammen. Es wird gemunkelt, dass sie deine Statuen vom Sockel stürzen wollen“, dann, unter Stalins spöttischem Blick, unter der Last seines Schweigens, senkt er fügsam den Kopf und setzt sich wieder auf seinen Stuhl am Tisch.
  Als alle an ihren Platz zurückgekeht sind, sagt Stalin: „Das nennt ihr das Ende eines traums! Alle Träume gehen eines Tages zu Ende. Das ist so unerwartet wie unvermeidlich. Wisst ihr das denn nicht, ihr Ignoranten?“
  Alle schweigen, nur Kalinin, der sich nicht beherrschen kann, verkündet laut: „Was auch geschieht, Kaliningrad bleibt auf immer Kaliningrad!“
  „Mit Recht. Und ich bin froh darüber, dass Kants Name auf ewig mit deinem verbunden ist“, erwidert Stalin immer belustigter. „Denn weißt du, Kant verdient es voll und ganz.“ Und sein Lachen, so einsam wie fröhlich, schwebte lange durch den großen Saal. S.91f

Sicherlich empfand Kundera es als Niederlage, dass er nach Paris ins Exil gehen musste. So viele geplatzte Träume, so viele Verletzungen…
Sicher ist auch für mich, dass der Autor immer noch daran arbeitet.

Einmal läßt er Ramon – einem der Protagonisten – sagen:

„Oh, die gute Laune! Hast du jemals Hegel gelesen? Natürlich nicht. Du weißt nicht mal wer das ist. Aber der Meister, der uns erfunden hat, zwang mich einst ihn zu studieren. In seiner Reflexion über das Komische sagt Hegel, der wahre Humor sei undenkbar ohne die unendliche gute Laune, hör gut zu, was er wörtlich sagt: >die unendliche Wohlgemutheit<. Nicht der Spott, nicht die Satire, nicht der Sarkasmus. Nur von den Höhen der unendlichen guten Laune kannst du unter dir die ewige Dummheit der Menschen beobachten und darüber lachen. S.96f

Auf den ersten Blick klingt alles sehr einfach, ist es aber nicht.*** In diesem Roman ist kein Wort zu viel aber auch keines zu wenig. Verbeugung!

Milan Kundera: Das Fest der Bedeutungslosigkeit. Roman. Fischer-TB, Frankfurt/Main Oktober 2016. Aus dem Französischen von Uli Aumüller.
ISBN 978 3 596 03268 6
In guten Bibliotheken und natürlich im Handel.

* Hanns Dieter Hüsch: Rede vom Leben. Zitat nach: Gesellschaftsabend.
ISBN: 3 932219 30 9
** Kundera, Das Fest der Bedeutungslosigkeit, ebenda S.35
*** Siehe dazu auch Milan Kundera: Das Buch vom Lachen und Vergessen. Roman 1978.
„Zum Heulen komisch und zum Lachen tragisch.“ Hellmuth Karasek, Die Welt. Zitat: Kundera, Das Fest der Bedeutungslosigkeit, ebenda. Werbung auf dem Umschlag, hinten.

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From → Liebe, Sprache

6 Kommentare
  1. Guter Tipp! Hatte ich bisher noch nicht bemerkt!

    Gefällt 1 Person

Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Das Fest der Bedeutungslosigkeit – #Literatur

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