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Mein Name sei Gantenbein

20. Januar 2017

Es scheint, daß es vor allem die wirklichen Taten sind, die unserem Gedächtnis am leichtesten entfallen; nur die Welt, die ja nichts weiß von meinen Nicht-Taten, erinnert sich mit Vorliebe an meine Taten, die mich eigentlich bloß langweilen. S.54

Die Vergesslicheit ist oft hilfreich. Sie trennt Wichtiges von Unwichtigem.

Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte dazu – man kann nicht leben mit einer Erfahrung, die ohne Geschichte bleibt, scheint es, und machmal stellte ich mir vor, ein andrer habe genau die Geschichte meiner Erfahrung… S.11

Der Plot geht so: Theo Gantenbein gibt vor, blind zu sein. Die Menschen um ihn herum glauben, seinen urteilenden Blick nicht mehr fürchten zu müssen. Und sie fangen an, sich zu enttarnen… (Aus dem Umschlagtext, hinten.)

Mangel an Fähigkeiten braucht ihn nicht zu bekümmern; was die Welt braucht, sind Leute wie Gantenbein, die nie sagen, was sie sehen, und seine Vorgesetzten werden ihn schätzen; die wirtschaftlichen Folgen solcher Schätzung werden nicht ausbleiben. Seine Anschauungen zu widerrufen oder auch nur zu ändern, bloß weil er Dinge sieht, die seine Anschauungen widerlegen, wird Gantenbein sich hüten, um nicht aus seiner Rolle zu fallen. Er wird eine politische Karriere machen, nicht eine effektive, aber eine ehrenvolle; er wird überall dabei sein, gestützt auf sein schwarzes Stöcklein, um nicht zu stolpern, und da es einmal ausgemacht ist, daß Gantenbein nicht sieht, was gespielt wird vor seinen Augen, wird man überall gern seine Meinung vernehmen. Ab und zu, mag sein, kann es peinlich werden(…). Er wird einem Herrn begegnen, der eben über die Freiheit der Kultur gesprochen hat, und fragen, ob ein andrer Herr, der unter Hitler eine ebenso führende Rolle gespielt hat, ebenfalls im Saal sei, und nicht sehen, daß es derselbe Herr ist. Dazu wird man Zigarren rauchen usw… S.32

Ein Roman, der sehr Wandlungsfähig erscheint und mit den Zweifeln aber auch Freuden, die dort dargestellt sind, ist für mich fast Zeitlos.

Wenn Lila wüßte, daß ich sehe, sie würde zweifeln an meiner Liebe, und es wäre die Hölle, ein Mann und ein Weib, aber kein Paar; erst das Geheimnis, das ein Mann ein Weib voreinander hüten, macht sie zum Paar. S.94

Und weiter unten:

Alltag ist nur durch Wunder erträglich. S.98

Wunder, die wir tagtäglich für den jeweils anderen produzieren.

Einschub:

Gestern, in Gesellschaft bei Burri, redete man einmal mehr über Kommunismus und Imperialismus, über Cuba, jemand redete von der Berliner Mauer, Meinungen, Gegenmeinungen, leidenschaftlich, ein Schach und so, Zug und Gegenzug, ein Gesellschaftsspiel, bis einer, bisher stumm, erzählte von seiner Flucht. Ohne Meinung. Einfach so: Handlung mit Schüssen, die seinen Genossen treffen, und mit einer Braut, die zurückblieb. Später befragt, was er von seiner Braut wisse, schwieg er. Wir alle verstummten – ich frage mich dann selbst, im stillen meine kalte Pfeife saugend, angesichts jener wirklichen Geschichte, was ich eigentlich mache: – Entwürfe zu einem Ich!… S.109

Wenn der Protagonist der Geschichte sich mit Burri (sein Arzt) trifft, heißt er – u.a. auch – Enderlin. Der kann sehen. Aber was?

Der Autor wechselt abrupt von der zur Metahandlung zur Handlung und wieder zurück. Unvermutet. Als junger Mensch habe ich das Buch schon einmal gelesen. Jetzt bin ich erstaunt, was da alles drin steht. Schon spannend, das. Grandios.

Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein. Roman, 1964 Frankfurt/Main. Suhrkamp-TB. 1. Auflage dieser Ausgabe 2011
ISBN 978 3 518 46236 2

Dazu hatte ich dieses Mal beim Lesen nicht eine Musik im Kopf, sondern ein Gedicht, einen Vers, ein Gedanke von Matthias Claudius* lies mich nicht los.

* Matthias Claudius; geboren: 15. August 1740 in Reinfeld (Holstein), gestorben: 21. Januar 1815 in Hamburg.

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From → Liebe, Sprache

8 Kommentare
  1. Lieber michzwo,

    für mich erschließt sich dieser Frisch-Roman durch deinen Beitrag noch einmal neu.

    Dafür herzlichen Dank von Kai 🎪🐎

    Gefällt 2 Personen

  2. Mein Lieblingssatz in dem Buch ist dieser: „Jeder Mensch erfindet früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“ Und manchmal ist die Geschichte wahr.

    Gefällt 2 Personen

    • mickzwo permalink

      Man stolpert förmlich über Sätze und Redewendungen, wie bei diesem Gedanken. Ein großartiger Satz, wie so viele von diesem Autor.
      Ich danke Dir, viele Grüße, mick.

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  3. Ein zeitloser Klassiker 👍 📖

    Gefällt 1 Person

  4. Tatsächlich ein sehr empfehlenswertes Buch!

    Gefällt 1 Person

  5. Frischs Buchtrio Homo Faber, Stiller und Gantenbein…
    ein zeitloses Trio für die literarische Ewigkeit!

    Dankeschön für’s Erinnern,
    feiner Post!
    Liebe Morgengrüße vom Lu

    Gefällt 1 Person

Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Mein Name sei Gantenbein – #Literatur

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