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Enderlin (zu Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein)

24. Januar 2017

Wurzeln, die schwarz sind und glänzen vor Nässe, manchmal ist es glitschig, dann wieder trocken wie ein Teppich, es regnet irgendwo…*

Der Versuch..

wieder wieder einmal erwacht, noch ungekämmt, aber geduscht und angekleidet, wenn auch noch ohne Jacke und ohne Krawatte, so vermute ich, denn die ersten Verrichtungen sind mechanisch, Ohnmacht der Gewohnheit, ich weiß bloß, dass ich wieder einmal an dem Rand eines Bettes sitze, ja wieder einmal; erwacht, aber noch von Träumen umlauert, die bei genauem Hinsehen, so fürchte ich, durchaus keine Träume sind, sondern Erinnerung, aber nicht Erinnerung an diese Nacht, sondern Erinnerung überhaupt, Bodensatz der Erinnerung, dabei bin ich erwacht, wie gesagt, sogar gewaschen und frei von Gefühl, vielleicht sogar pfeifend, ich weiß es nicht genau, unwichtig, und wenn ich in diesem Augenblick leise pfeife, dann nur, um nicht sprechen zu müssen, auch nicht mit mir selbst, ich habe mir jetzt nichts zu sagen, ich muß zum Flugplatz, Herrgottnochmal, es ist höchste Zeit, so vermute ich und habe dennoch keine Eile, als wäre dies schon gewesen, lang ist’s her, es wundert mich, daß kein Pressluftbohrer knattert, ich horche, Stille, es gackern auch keine Hühner, ich horche, kein Tingeltangel ist zu hören, Erinnerung und Gedampf aus einem nächtlichen Güterbahnhof, das war einmal, Pfiffe und Echo der Pfiffe, ich halte den Atem an, Stille, einen Atemzug lang reglos wie eine Skulptur, so sitze ich, Pose des Dornausziehers, aber ich ziehe keinen Dorn aus, sondern einen Schuh an, übrigens schon den zweiten, ab und zu ein Liftgeräusch, aber ich bin nicht einmal sicher, ob nicht auch dieses Luftgeräusch nur aus der Erinnerung kommt, Erinnerung an eine Nacht, eine andere, es stört mich nicht, ich sehe nur, daß doch meine Krawatte noch drüben am Sessel hängt, hingegen die Uhr habe ich am Arm, ja, es ist Zeit, so vermute ich, Zeit wie immer, Zeit um aufzubrechen in die Zukunft, ich bin entschlossen und rasiert, eigentlich munter, ohne es gerade zu zeigen, wieder einmal erwacht, frei von Sehnsucht, frei, offenbar habe ich mir inzwischen eine Zigarette angesteckt, jedenfalls muß ich blinzeln wegen Rauch, und wenn nicht ich es bin, der da raucht, so weiß ich nicht, wer da raucht, ich weiß nur, wann mein Flugzeug fliegt, eine Caravelle, hoffe ich, ja, das Wetter, es wird sich zeigen, sobald ich dieses Zimmer verlassen habe, nur jetzt nichts vergessen, jetzt auch keine Worte, die liegen bleiben, keine Gedanken, ich sitze auf dem Rand eines Bettes und schnüre meinen rechten Schuh, mich dünkt, seit einer halben Ewigkeit schon… einen Augenblick, jetzt bevor ich den Fuß auf den Teppich stelle, halte ich inne: – immer wieder, ich weiß es ja schon und doch erschrecke ich reglos, bin ich Enderlin, ich werde noch sterben als Enderlin.
  Also fahre ich zum Flugplatz.
  Im Taxi, die Hand an der schäbigen Schlaufe, sehe ich draußen die Welt, Fassaden, Reklamen, Denkmäler, Autobusse –
  Déjà vu!
  Ich versuche an irgendwas zu denken. **

..eine Geschichte anzunehmen. (Wieder.)

Max Frisch erscheint ungeduldig. Ist es aber nicht. Statt dessen dekliniert er Situationen durch. Stellt sich auch Philemon und Baucis vor (ab S.157). Bevor sie für immer zusammen sind. Er hatte gedacht, sie kämpften um ihr Glück. Wollten nicht wie alle sein – wie jetzt auch Gantenbein und seine Lila. Zu grauselig wirkt ihm das Konstrukt. Gantenbein scheitert:

Alles ist wie nicht geschehen… Es ist ein Tag im September, und wenn man aus den finsteren und gar nicht kühlen Gräbern wieder ans Licht kommt, blinzeln wir, so grell ist der Tag; ich sehe die roten Schollen der Äcker über den Gräbern, fernhin und dunkel das Herbstmeer, Mittag, alles ist Gegenwart, Wind in den staubigen Disteln, ich höre Flötentöne, aber das sind nicht die etruskischen Flöten in den Gräbern, sondern Wind in den Drähten, unter dem rieselnden Schatten einer Olive steht mein Wagen grau vor Staub und glühend, Schlangenhitze trotz Wind, aber schon wieder September: aber Gegenwart, und wir sitzen an einem Tisch im Schatten und essen Brot, bis der Fisch geröstet ist, ich greife mit der Hand um die Flasche, prüfend, ob der Wein (Verdicchio) auch kalt sei, Durst, dann Hunger, Leben gefällt mir – ***

Es geht weiter. Alles geht weiter, irgendwie. Immer weiter (als sei nichts gewesen). Phänomenal.

Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein. Roman, 1964 Frankfurt/Main. Suhrkamp-TB. 1. Auflage dieser Ausgabe 2011
ISBN 978 3 518 46236 2

Diese Geschichte ist alt (aber nicht ausgestanden). Sie sollte noch zu haben sein: In guten Bibliotheken und im Handel.

* Ebenda S.161 ** Ebenda S.109 *** Ebenda S.289

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From → Liebe, Sprache

One Comment
  1. … alles wiederholt sich was nicht ausgestanden ist…

    Gefällt 1 Person

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