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Personen und Reden vom 4. November 2012

26. Januar 2017

Menschen hausen in ihren Lebensläufen wie in Häusern.*

Die Klassiker setzten auf die Autonomie der Menschen. Wir haben auch heute nichts Praktischeres, langfristig Durchdringenderes und Vertrauenswürdigeres als dies, das Selbstvertrauen, diese Autonomie. Und sie tritt überall dort in Erscheinung, wo erzählt wird, sei es in den Intimbereichen, sei es in der Öffentlichkeit, sei es in der Literatur.

In gewisser Hinsicht ist selbst der Krieg eine Erzählung. Ich bin überzeugt davon, dass der Krieg, der eine wilde Maschine ist, nichts zähmt, ausser dem eigenen Monolog, der Krieg geht an seiner eigenen Unfähigkeit zugrunde. Das ist eine erzählenswerte Tatsache.**

Thema ist das Urvertrauen. Es ist mir kaum möglich, das komplexe, verwobene und letztlich doch so klare Denken dieses Menschen zu beschreiben. Darum die zwei Zitate vom Anfang und vom Ende einer Rede zum Schiller-Gedächtnispreis 2001, stellvertretend zu diesem Buch.

Dazwischen liegt etwas, das man selbst erfassen kann: Ich verneige mich ausdrücklich vor diesem großen Denken, das es schafft, Dinge so verbinden, dass sie einerseits Verknüpfungen herstellen von Gegenwärtigem zu Vergangenen und andererseits Gedanken frei geben. Gedanken, die notwendig sein werden, um Zukünftiges zu durchdringen.

Es ist beileibe nicht klar, wo das alles hinführt. Es ist aber sicher, dass es so, wie es jetzt ist, nicht bleiben wird. Das ist Dialektik pur. Es ist niemals bequem aber dringend, weil notwendig.

Niemand hat uns versprochen, dass es spaßig sein würde, faszinierend ist es in jedem Fall. In Bremen bekommt er 2001 den Literaturpreis und dort zitiert er, immer großer Verfechter der Aufklärung, Theodor W. Adorno: Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.***

In dem Artikel, Die Geschichten kommen aus der Spitze des Bleistifts, schreibt Kluge: Die Bücher, die ich am meisten verehre, besitze ich nicht selbst. Mit ihnen lebe ich.**** Ein wunderbares Zitat. Es zeigt möglicherweise, wie so ein Geist beschaffen ist.

Der brauchte und hatte so viele Bücher, Bilder, Musik und nicht zuletzt Menschen. Medien und Individuen, die Zusammenhänge schaffen. Überhaupt: Zusammenhänge. Darum geht es doch immer. Lesen, schauen und fühlen. Und das immer selbst.

Ps.: Alexander Kluge dreht Filme. http://www.dctp.tv/filme/10vor11-19112012/ Dieser Film behandelt das Nix und das Garnichts.
Ich will jetzt weiter lesen. Lassen Sie es sich gut gehen.
Gute Gedanken und viel Vergnügen.

Alexander Kluge: Personen und Reden. Lessing – Böll – Huch – Schiller – Adorno – Habermas – Müller – Augstein – Gaus – Schlingensief – Ad me ipsum. Verlag Klaus Wagenbach in der Reihe Salto, 183. Berlin, 2012. ISBN: 978 3 8031 1282 8

*ebenda S.52; **ebenda S.60; ***ebenda S.65; ****ebenda S.106
Siehe dazu auch den Artikel zu Geschichte und Eigensinn.

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From → Liebe, Musik, Sprache

2 Kommentare
  1. … schon der erste Satz ist DER „Bringer“, toller Beitrag, kluge Gedanken. Danke!

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  2. Was für ein wunderbares Adorno -Zitat! Danke! Kat.

    Gefällt 1 Person

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