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Der Richter und sein Henker

29. Januar 2017

Liebe ist ein konservativer Trieb. Sie gehorcht der Aufklärung jedenfalls nicht rasch. Alexander Kluge*

Die erste Frage, die ich mir zu stellen hatte, war, wer ist denn nun der Richter und wer der Henker. Mir war klar, dass diese Frage obsolet gewesen wäre, hätte ich vorher den Wikipedia-Artikel oder sonst was dazu gelesen. Man kann sich über dieses Buch und diverse Verfilmungen sicherlich an vielen Stellen informieren.

Das wollte ich alles nicht. Da ich den Film als junger Mensch schon einmal gesehen hatte, nahm ich nun das Buch** zur Hand. Der Kommissär Bärlach ist zweifellos ein konservativer Mensch. Ganz im Gegenteil zu seinem Assistenten, in diesen Fall ein Herr mit Namen Tschanz. Der ist sehr auf das Neue aus, ehrgeizig (und unduldsam). Da trifft er sich fast mit dem Untersuchungsrichter Lutz.

Aber nur fast. Der Lutz ist nämlich sehr zögerlich in seinen Entscheidungen. Ja man könnte behaupten: Er sei wankelmütig. Was ich von Kommissär Bärlach nun wieder nicht sagen kann. Der wirkt eher verschlagen.

Auslöser des Krimis ist der Mord am Polizeileutnant der Stadt Bern, Ulrich Schmied. Dann passiert lange nichts (jedenfalls nichts, was für heutige Leser von Belang erscheint), bis unvermittelt der Herr Gastmann auf den Plan tritt.

Habe ich sie jetzt alle? Den Schwendi habe ich noch vergessen. Wahlweise ein Nationalrat und Oberst der Reservearmee des Landes. Er fungiert als so eine Art Zuarbeiter für den Gastmann. Der war wiederum einmal, in ferner Vergangenheit, der kriminelle Widerpart für den Kommissär. Sie hatten eine Wette am Laufen. (S.a.S.65ff)

Jetzt habe ich sie aber alle. Die anderen Protagonisten sind wohl nur Beiwerk. Ein Beiwerk für einen veritablen Krimi und ein Lehrstück für Geschichte.

Friedrich Dürrenmatt „gehört zu den unverwechselbaren Figuren der europäischen Literatur nach 1945. Dürrenmatt ist beinahe ein Genie … Er gehört – und das ist in deutschen Landen nur sehr selten – zu den Predigern mit Pfiff, er fungiert als ein professioneller Prophet, dem es gefällt, Schreckliches zu verkünden, und dem es gelingt, dabei niemandem die Laune zu verderben“ M. Reich-Ranicki ***

Stimmt. Auch nach so langer Zeit. Meine Fragen wurden natürlich alle beantwortet. Und wie es sich für einen ordentlichen Krimi versteht, natürlich erst auf den letzten Seiten.

Friedrich Dürrenmatt: Der Richter und sein Henker. Veröffentlicht im Rowohlt Taschenbuch Verlag, 106. Auflage Februar 2005, Hamburg, Juni 1955, erstmals in Buchform erschienen 1952. Copyright 1985 by Diogenes Verlag AG, Zürich
ISBN: 3 499 10150 5

* aus: Personen und Reden, S.104
** Friedrich Dürrenmatt, ebendort.
*** Marcel Reich-Ranicki in der FAZ, hier zitiert nach dem Umschlagtext auf der Rückseite, ebendort.

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From → Liebe, Sprache

7 Kommentare
  1. Oh ja, das Buch habe ich als echten Reißer in Erinnerung. Lichtjahre her zwar, aber die Namen habe ich behalten. Und das ist für mich immer ein Zeichen für Romane /Krimis ganz nach meinem Geschmack.

    Gefällt 1 Person

  2. ich kenn dieses Stück noch aus der Schulzeit. Manchmal denke ich an Dürrenmatt wenn der Zug in einen Tunnel fährt … es gibt Geschichten, die wird man einfach nicht mehr los …

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  3. Muss ich wohl auch wieder lesen.

    Gefällt 1 Person

    • mickzwo permalink

      Das Schöne ist: Nichts muss aber alles kann. Allerdings glaube ich, dass die Geschichten nicht passiv sind. Sie laufen uns über den Weg. Nicht umgekehrt. Wenn Du also von diesem ausgesucht wirst, dann allerdings wünsche ich viel vergnügen damit.

      Gefällt 3 Personen

  4. Graugans permalink

    Herzlichen Dank für diese so wundervolle Beschreibung einer meiner liebsten Geschichten überhaupt, lieber Mick, werd sie sofort wieder lesen!
    Der Film war ja auch riesig, den werd ich auch suchen, vielleicht gibts ja eine DVD davon! Kennst Du eigentlich „Der Verdacht“ von Dürrenmatt? Wenn nicht, unbedingt lesen!
    Viele liebe Grüße !

    Gefällt 1 Person

Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Der Richter und sein Henker – #Literatur

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