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Der Fänger im Roggen

11. Februar 2017

Holden Caulfield ist so ziemlich das genaue Gegenteil zu Rolf Seelmann-Eggebert. Der Protagonist dieser Geschichte ist jung und hat einen gewöhnungsbedürftigen Stil in seiner Sprache. Ferner hat er so seine Schwierigkeiten sich anzupassen. Hat Null Lebenserfahrung, ist nicht der Schwarm aller Schwiegermütter – jedenfalls noch nicht.

Aber er orientiert sich an seiner Umwelt. Da sind sie sich schon ähnlich. Holden Caulfield ist das, was man landläufig einen reichen Schnösel nennen würde. Er muß ein Eliteinternat nach den anderen verlassen, nicht wegen mangelnden Leistungen, eher so aus Langeweile oder sonst was.

Er flieht regelrecht…, und weiß doch nicht wohin.

Beide buhlen sie um unsere Aufmerksamkeit, als Teil der Unterhaltungsindustrie. Der eine als Fiktion der andere als sich zurücknehmender Berichterstatter. Beides sind sie versierte Kommentatoren.

Nur, Holden Caulfield ist ein Loser. Oh, man! Was für ein Loser. Dieser Caulfield ist so ein Loser, echt.

Der fängt einen Bericht über sein Leben an, und erzählt, wie er mal von der Schule geflogen ist. Also wirklich! Der erzählt alles. Und alles kommt raus.

  Jedenfalls rannte ich, sobald ich wieder zu Atem gekommen war, quer über die Route 204. Es war ungeheuer glatt, und ich bin fast hingefallen. Ich weiß nicht mal, warum ich überhaupt gerannt bin – wahrscheinlich war mir einfach danach. Als ich auf der anderen Straßenseite war, kam’s mir so vor, als würde ich irgendwie verschwinden. (S.14)

Und dann tut er noch so cool. Dabei mag er den guten, alten Spencer und der alte Geschichtslehrer mag ihn. Im Grunde ist das Respekt. Der Respekt, von dem alle immer sprechen. Darum geht es in seiner Geschichte.

  Er hörte mir gar nicht zu. Er hörte kaum mal zu, wenn man was sagte. (S.20)

Holden Caulfield hat Respekt. Der Protagonist unseres Romans ist zwar nicht gebildet und auch viel zu jung dazu, aber er lebt all die Werte, von denen in den Werbebroschüren solcher Internate immer gesprochen wird. Und darum ist er ein so gehasster Loser. Weil er das alles so Ernst nimmt.

A displaced person

Holden Caulfield befindet sich auf der Flucht und strandet ausgerechnet in einer billigen Absteige in New York, nahe seiner Heimat. Warum er geflohen ist? Nun, er läßt sich zusammenschlagen von seinem Zimmergenossen und schreibt doch einen Aufsatz für ihn. Eher für dessen Date. Weil er eifersüchtig ist (es aber nicht zugeben kann).

Wenn wir uns diese groteske Szene vorstellen, wie der Junge – er ist noch ein Kind, ein etwas zu groß geratener Junge – in der Bar, des Nachts Frauen aufreissen will. Dabei denkt er doch nur an seine Jane Gallagher. (S.d.a.Kap.10)

Die kennt er nämlich von früher – und früher meint hier allenfalls zwei Jahre, was für so ein Kind schon eine riesen Distanz ist. Jane Gallagher, wegen der er so überstürzt geflüchtet ist aus seiner Schule, ist jetzt wohl an eben dieser, seiner Schule, und ein Date seines Zimmergenossen.

Aber da fliegt er ja jetzt. Ein Junge, der noch nichts weiß vom Leben, aber der hellwach ist. Klar, er lügt sich mächtig in die Tasche und glaubt. Man bemerkt es kaum.

Er merkt es, und zählt sich wohl schon zu den Erwachsenen. Das Kind glaubt an irgendwas und traut sich selbst nicht über den Weg.

Auf seiner Flucht oder der Suche nach sich selbst (ganz wie man will) denkt er immer öfter an seine kleine Schwester Phoebe. Er befindet sich im Central Park, NY, und denkt an seine Kindheit.

Niemand wäre anders. Anders wäre man nur man ’selbst‘. Nicht, dass man so viel älter wäre oder was. Das wohl eher nicht. Man wäre eben einfach anders. Man hätte einen Mantel an. Oder das Kind, mit dem man beim letzten Mal zusammen in der Schlange stand, hätte Scharlach, und man würde mit einem anderen da stehen. Oder statt Mss Aigletinger würde ein Aushilfslehrer mit der Klasse hingehen. Oder man hätte Mutter und Vater im Badezimmer schrecklich streiten hören. Oder man wäre gerade an einer Pfütze auf der Straße mit einem Benzinregenbogen darauf vorbeigekommen. Also, man wäre in irgendeiner Weise ‚anders‘ – ich kann nicht erklären, was ich meine. Und selbst wenn ich’s könnte, wüßte ich nicht, ob mir danach wäre. (S.158 Kap.16)

Es ist erstaunlich wie Sailinger seinen Protagonisten darstellt. Agressiv gehemmt, wie der Hüsch sagen würde. Ein Kind der verpassten Gelegenheiten, ein moderner Don Quichote (ohne Sancho Panza), der immer findig ist und enthusiastisch* nach Lösungen sucht, auch wenn er keinen blassen Schimmer hat.

Agressiv gehemmt. Ich denke – auch wenn er den Fluss nie gesehen hat – dieser Holden Caulfield hat gute Anlagen ein würdiger Vertreter des Niederrheins zu sein.

J.D. Salinger: Der Fänger im Roggen. Die Neuübersetzung von Eike Schönfeld. 1.Auflage – Köln: Kiepenheuer&Witsch, 2003.
ISBN 3 462 03218 6 (Erstveröffentlichung: 1951 unter dem Titel The Catcher in the Rye)

Niemand wäre anders. Anders wäre man nur man ’selbst‘. (S.158)

Ein Buch, das definitiv in jeden Bücherschrank gehört. Aber Vorsicht: Nicht zu früh lesen oder sonst was. 😉

_______________

* zu Enthusiasmus s.a. den Artikel in https://de.wikipedia.org/

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From → Liebe, Sprache

11 Kommentare
  1. … zu spät… und früh genug…

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  2. Nur so nebenbei: Loser, nicht Looser 😉

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  3. grandioses buch, das ich schon mehrfach gelesen habe und welches ich definitiv wieder lesen werde.

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  4. perfekt, dann glaub ich bin ich jetzt reif für den rye eye catcher! vielen dank für die schöne be_sprechung! liebe grüße, schönes wochenende, k.

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Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Der Fänger im Roggen – #Literatur

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