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Nachtzug nach Lissabon

20. Februar 2017

Wir bestehen alle nur aus buntscheckigen Fetzen, die so locker und lose aneinanderhängen, daß jeder von ihnen jeden Augenblick flattert, wie er will; daher gibt es ebenso viele Unterschiede zwischen uns und uns selbst wie zwischen uns und den anderen. *(S.9)

Jeder von uns ist mehrere, ist viele, ist ein Übermaß an Selbsten. Deshalb ist, wer die Umgebung verachtet, nicht derselbe, der sich an ihr erfreut oder unter ihr leidet. In der weitläufigen Kolonie unseres Seins gibt es Leute von mancherlei Art, die auf unterschiedliche Weise denken und fühlen. **(S.9)

Diese beiden Zitate sind dem Buch vorangestellt. Doch bevor ich mich der Geschichte zu wende, noch dieses:

Mitten im Unterricht verläßt ein Lehrer seine Schule und macht sich auf den Weg nach Lissabon, um den Spuren eines geheimnisvollen Autors zu folgen. Immer tiefer zieht es ihn hinein in dessen Aufzeichnungen und Reflexionen, die von grundlegenden Erfahrungen des Lebens handeln. (Umschlag, aussen.)

Mit der Begegnung auf einer Brücke nimmt diese Geschichte Gestalt an: ‚Das war der Augenblick, der alles entschied,‘ dachte er… (S.16)

Dazu kommt das Bild von der Frau im roten Mantel. Auf S.19 spricht der Autor von einer roten Frauengestalt. Sie ist also wieder da. Nicht, dass er zaudert. Die Dame in rot wird erstmal privater Natur sein. Und auch sonst wird er sparsam mit derartigen Auskünften umgehen.

Zum Weglaufen äussert er sich nicht öffentlich. Kurz gesagt: Gregorius, so heisst der Lehrer, ist zwar ehrlich aber nicht offen.

keine Ahnung(…)was das eigentlich hieß: weggehen. (S.22) Die ersten Kapitel setzen sich damit auseinander. Endlich hat er sich zu einem Entschluß durch gerungen (S.43/44).

Doch dann stellen wir fest: hier befindet sich jemand auf einer Reise zu sich selbst. Ein bißchen kam es ihm vor, als triebe er auf einer Eisscholle, die sich durch ein sanftes Erdbeben gelöst hatte, aufs offene, kalte Meer hinaus. (S.46)

Aber noch eine ‚Baustelle‘ ist von unserem Protagonisten zu bearbeiten: Die Wucht der Erinnerung traf ihn unvorbereitet. Er hatte es nicht vergessen, daß dies ihr erster Bahnhof gewesen war, ihre erste gemeinsame Ankunft in einer fremden Stadt. Aber er hatte nicht damit gerechnet, daß es, wenn er hier stünde, sein würde, als sei überhaupt keine Zeit verstrichen. … (S.49)

Dazu passt durchaus eine seiner Übersetzungen aus dem Portugiesischen:

Es ist ein Irrtum zu glauben, die entscheidenden Momente eines Lebens, in denen sich eine Richtung für immer ändert, müßten von greller und lauter Dramatik sein, unterspült von heftigen inneren Aufwallungen. Das ist ein kitschiges Märchen, das saufende Journalisten, blitzlichtsüchtige Filmemacher und Schriftsteller, in deren Köpfen es aussieht wie in einem Boulevardblatt, in die Welt gesetzt haben. In Wahrheit ist die Dramatik einer lebensbestimmenden Erfahrung oft von unglaublich leiser Art. Sie ist dem Knall, der Stichflamme und dem Vulkanausbruch so wenig verwandt, daß die Erfahrung im Augenblick, wo sie gemacht wird, oft gar nicht bemerkt wird. Wenn sie ihre revolutionäre Wirkung entfaltet und dafür sorgt, daß ein Leben in ein ganz neues Licht getaucht wird und eine vollkommen neue Melodie bekommt, so tut sie das lautlos, und in dieser wundervollen Lautlosigkeit liegt ihr besonderer Adel. (S.53f)

In diesem Zusammenhang ist durchaus interessant, was der Buchhändler ihm übersetzte, als ihm das portugiesische Buch begegnete: Wenn es so ist, daß wir nur einen kleinen Teil von den leben können, was in uns ist – was geschieht dann mit dem Rest? (u.a. S.58)

Es sei das Leben gewesen, das er gewollt habe, sagte Gregorius, und noch während sich die Worte in ihm formten, spürte er erschrocken, daß in der Festigkeit, mit der er sie sagte, Trotz lag. Noch vor zwei Tagen, als er die Kirchfeldbrücke betreten und die lesende Portugiesin gesehen hatte, hätte er diesen Trotz nicht nötig gehabt. Er hätte genau dasselbe gesagt, aber die Worte hätten nicht den Hauch des Trotzigen an sich gehabt, sondern wären aus ihm gekommen wie ein unauffälliger, ruhiger Atemzug. (S.68)

Die Rahmenbedingungen sind abgesteckt. Ein neues Leseabenteuer hat begonnen. Ich bin neugierig, spannend.

Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon. Roman 2004, Hanser-Verlag.
Hier: Der Aufbruch, Teil 1. ISBN 3 446 20555 1

*, **: Die beiden Zitate sind der eigentlichen Geschichte in der original Sprache und in der deutschen Übersetzung vorangestellt. Sie stammen von Michel de Montaigne, ESSAIS, Zweites Buch, 1. Sowie von Fernando Pessoa, LIVRO DO DESASSOSSEGO, Aufzeichnungen vom 30.12.1932.

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From → Liebe, Sprache

6 Kommentare
  1. Mit diesem Buch erging es mir seltsam. Es hat sich tief eingeprägt, mich also bewegt. Es hat diese selbstquälerischen Passagen: „Raff dich auf, schmeiß hin, es findet sich was besseres!“ Also muss es gut.
    Dabei ist der Polt eigentlich mies und extrem unrealistisch.

    Die Frau vom Anfang scheint ein großes Geheimnis zu haben und schreibt ihm die Telefonnummer auf die Stirn. Sie taucht später nicht mehr auf.
    Damit die Flucht von der Arbeitsstelle Dauer haben kann, muss Geld her – also ist er ein alter Knauser, der auf seinem Hippie-Trip nun seine jahrzehntelangen Ersparnisse aufzehrt. Wenn Geld alle ist, schreibt er einer Schülerin, die Zugang zu seinem Konto hat…

    Portugiesisch lernt er spielend von jetzt auf gleich…

    Die verschlossene Haushälterin des Arzes in Lissabon, offenbart ihm das zentrale ganz große Geheimnis ihres verstorbenen Chefs…

    Ein seltsames Buch.

    Gefällt 1 Person

    • mickzwo permalink

      Selt-sam im Sinne von merk-würdig.

      Gefällt mir

    • mickzwo permalink

      Nicht unbedingt schön ist diese Geschichte. Aber seltsam und merkwürdig.

      Gefällt mir

      • MERK-würdig ist der existentialistische Kampf im Kopf dieses Aussteigers, MERK-würdig ist auch der Konflikt dieses portugiesischen Arztes mit seinem berühmt-berüchtigten Patienten auf dem Tisch – aber MERKwürdig ist für mich, als Leser von Literaturrezis in diversen Online-Medien, dass bei aller sonstigen Haarspalterei, wenn es um Plots und Dramaturgie geht, die sich häufenden Ablauffehler DIESES Buches nirgends Thema waren. Ein gutes ist es ja trotzdem, wegen der eben genannten Haben-Seite.

        Gefällt 1 Person

  2. Alle drei sind tolle Denker und Schriftsteller: Michel Montaigne, Fernando Pessoa und Peter Bieri alias Pascal Mercier…
    ein sehr lesenswertes Buch!
    Liebe Mittagsgrüße vom Lu

    Gefällt 4 Personen

Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Nachtzug nach Lissabon – #Literatur

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