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Nachtzug nach Lissabon [2]

22. Februar 2017

Es sei das Leben gewesen, das er gewollt habe, sagte Gregorius, und noch während sich die Worte in ihm formten, spürte er erschrocken, daß in der Festigkeit, mit der er sie sagte, Trotz lag. Noch vor zwei Tagen, als er die Kirchfeldbrücke betreten und die lesende Portugiesin gesehen hatte, hätte er diesen Trotz nicht nötig gehabt. Er hätte genau dasselbe gesagt, aber die Worte hätten nicht den Hauch des Trotzigen an sich gehabt, sondern wären aus ihm gekommen wie ein unauffälliger, ruhiger Atemzug. (S.68)

Es bröckelt, langsam aber stetig. Auf den Seiten 96-101 lesen wir unter der deutschen Überschrift Das Innere des Äußeren des Inneren einen Bericht wie der portugiesische Arzt Pardo, das ist der, dessen Buch dem Protagonisten in Bern begegnet ist und der letztlich verantwortlich ist für diese Flucht; also, dieser Arzt berichtet, wie er feststellt, dass sein Selbstbild vom Bild das sich andere von ihm machen, unterscheidet.

Im Grunde ist so etwas eine Trivialität. So könnte man meinen.

So eine Erkenntnis wirft unsern Helden jedoch immens zurück:

Gregorius schloß die Augen und saß wieder im Speisewagen auf der Fahrt nach Paris. Die neue Art von Wachheit, die er dort erfahren hatte, als ihm klar wurde, daß seine Reise tatsächlich stattfand – hatte sie etwas mit der besonderen Wachheit zu tun, die der Portugiese sich selbst gegenüber besessen hatte, einer Wachheit, deren Preis die Einsamkeit gewesen war? Oder waren das zwei ganz unterschiedliche Dinge? (S.103)

Oder nach vorn. Wie man’s nimmt. Ihn beschäftigt immer wieder seine Ehefrau, die ihn verlassen hatte, weil die Grundlagen ihrer Liebe sich als trügerisch erwiesen haben.

Dieser Roman ist in vier Teile gegliedert:

– Der Aufbruch
– Die Begegnung
– Der Versuch
– Die Rückkehr

(…)Gleiten unsere Blicke nicht immerfort an den Anderen ab, wie in der rasenden Begegnung des Nachts, und lassen uns zurück mit lauter Mutmaßungen, Gedankensplittern und angedichteten Eigenschaften? Ist es nicht in Wahrheit so, daß nicht die Menschen sich begegnen, sondern die Schatten, die ihre Vorstellungen werfen? (S.116) Nach: Prado, FLÜCHTIGE GESICHTER IN DER NACHT.

Wir befinden uns immer noch in der Phase des Aufbruchs. (Kopf)-kino vom Feinsten.

„In der Liebe gibt es keine Trennlinie zwischen Original und Fälschung.“
Roger Willemsen, Kleine Lichter.*

Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon. Roman 2004, Hanser-Verlag.
ISBN 3 446 20555 1

* Ebendort: S.192

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From → Liebe, Sprache

4 Kommentare
  1. Das Innere des Äußeren des Inneren
    In einem Artikel aus dem Feuilleton der FAZ vom 11.2.05 von Helmut Klemm über Peter Bieri, der meinem Exemplar dieses Romans beiliegt, steht u.a.
    „An Peter Handkes vertrackter „Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“ führt er zum Beispiel vor, dass man in solch einem Spiegelsystem nicht entdecken kann, was man wirklich denkt, will oder glaubt, sondern nur eine unauslotbare Fülle von eigenen und fremden Erfahrungen……Bieri zufolge ist das nur als Erzählung möglich. Sie ist die Form, in der sich das Innere artikuliert und die den Philosophen (der er ja ist) zur Literatur drängt „.

    Gefällt 1 Person

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  1. [Alles mit links] Nachtzug nach Lissabon [2] – #Literatur

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