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Nachtzug nach Lissabon [3]

25. Februar 2017

„O cérebro, sempre o cérebro“, sagte sie leise und vorwurfsvoll. Das Gehirn, immer das Gehirn. „Porquê naõ dissete nada?“ Warum hast du nichts gesagt?

Unser Protagonist besucht das Blaue Haus, jenen Ort, wo Amadeu de Prado gelebt und wohl auch geliebt, geschrieben und gedacht, als Arzt(!) gearbeitet hat und wo er gestorben ist. [Und zwar an einem von ihm ignorierten Aneurysma.]

Es gab etwas, das Gregorius verwunderte. Doch es dauerte, bis er es zu fassen bekam: Es lag kein Staub auf den Dingen. (S.132)

Alles atmet Tot, Tränen, Trauer, Verlust. Eifersüchtig bewacht seit vierzig Jahren von seiner Schwester.
Ein Mausoleum. Komisch?

Am Ende eines Tages in dem fremden Land mit der seltsamen Sprache, nach mehreren Begegnungen auf der Suche, faßt Gregorius zusammen. Er denkt:

War das wirklich alles an einem einzigen Tag geschehen? Er schlug das Bild von Amadeu de Prado auf. All das Neue, das er über ihn erfahren hatte, veränderte seine Züge. Er begann zu leben, der gottlose Priester. (S.149)

Allmählich beginnt Gregorius seine eigene Existenz in Portugal zu akzeptieren.

Wie unterscheidet man, ob man eine Empfindung wichtig nehmen oder sie wie eine leichtfertige Laune behandeln soll? Warum, Papá hast Du nicht mit mir gesprochen, bevor Du es tatest? So daß ich wenigstens wüßte, warum Du es tatest? (S.152)

Aber er ist noch lang nicht am Ziel. Vielmehr gibt das Buch von Amadeu de Prado ihm immer neue Rätsel auf. Gregorius kommt beim Bilanz ziehen vorläufig zu folgendem:

„Sonderbar, meinen Sie? Ja, es ist sonderbar. Sehr sonderbar. Auch für mich selbst.“ (S.154)

Ein Fieber hat ihn gepackt. Er ist nun auf der Jagd. Gregorius ist Altphilologe, und als Lehrer Perfektionist. Möglicherweise ist er noch nicht so weit es zu begreifen. Aber Gregorius kann gar nicht anders als forschen. Ob das Ergebnis ihn beeinflussen wird? Bestimmt wird es das.

„In der Liebe gibt es keine Trennlinie zwischen Original und Fälschung.“ *

Ich will ihn nun in Frieden weiterforschen lassen. Den Roman will ich still genießen. Lohnend ist er sowieso.

Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon. Roman 2004, Hanser-Verlag. Hier: Die Begegnung. ISBN 3 446 20555 1

* Roger Willemsen, Kleine Lichter. (S.192)

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From → Liebe, Sprache

9 Kommentare
  1. Ich hab das Buch nicht zu Ende gelesen. Es war mir zu philologisch, zu voll des Schönen, Wahren und Guten. Jetzt hoffte ich das Ende bei dir zu erfahren, aber du willst ja neugierig machen auf das Buch . Eine schweizer Freundin hat das Buch ihrem Mann zum Geburtstag geschenkt, jetzt ist er ihr davon gelaufen. Mercier schreib ja am Anfang, dass die wahren Veränderungen leise anfangen. Mit einem Buch vielleicht.

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    • mickzwo permalink

      Das mit dem „Schönen, Wahren und Guten“ kann ich wohl nachvollziehen. Das sind sicherlich Luxusprobleme. Aber es sind eben Probleme. Ich werde es wohl zu Ende lesen. Das ist ein verteufelt gutes Buch, dafür brauche keine Werbung zu machen. Ich habe noch nie ein Buch verrissen. Insofern bin ich kein Kritiker. Kreuz und quer habe ich mich durch Geschichten gewühlt, und dabei habe ich es fast immer den Geschichten überlassen mich anzuspringen. Bis jetzt ist es immer gut gegangen. Ich will in erster Linie herauskriegen, was so eine Geschichte mit mir anstellt. Geschichten, die mich langweilen lese nicht zu Ende. „Mercier schrieb … am Anfang, dass die wahren Veränderungen leise anfangen.“ Vielleicht hat er da Recht. Möglich, dass man einen Katalysator braucht, um eine neue Richtung einzuschlagen.

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  2. Ein Freund, der mir schon gute Empfehlungen gegeben hatte, legte mir diesen Roman sehr ans Herzen. „Der wird dich begeistern!“ Manchmal findet ein Rat aber keinen Boden, um zu erblühen. Dir viel Freude!

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  3. Ich sah auch den Film und fand ihn sehr poetisch. Doch das Geheimnis des Buches eröffnet sich unverfilmbar in der Poesie der Sätze, des Schreibstils. Ich habe die Geschichte inzwischen zweimal gelesen, weil mich Merciers bildgewaltige Sprache bezaubert.

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    • mickzwo permalink

      Den Film habe ich nicht gesehen. Aber die Erfahrung sagt mir, dass Filme selten Geheimnisse lüften (können) wie es Bücher vermögen. Sie verfolgen oft ein anderes Ziel (schon zeitlich ist das begrenzt). Ich weiß es natürlich nicht, aber vielleicht denken Menschen zu sehr analog um den Sprung zwischen Buch und Film wirklich vollziehen zu können. Ich danke Dir für den Hinweis, lG mick.

      Gefällt 1 Person

      • Für mich ist ein Vergleich überhaupt nur möglich, wenn ich Film und Buch als jeweils eigenständiges Werk betrachte. Ein Buch transportiert Stoff anders als ein Film. Wenn ich Filme schaue, träumen die Augen und Ohren, in ein Buch hingegen gebe ich mich ganz. Bei manchem wie zum Beispiel dem dicken Dante mit den Botticelli-Zeichnungen spielt für mich die Gestaltung, also das Buch selbst eine wichtige Rolle, bei anderen sind mir nur die Worte wichtig. Ein Buch kann ich mir vorlesen lassen und es wird mein Film, doch ein Film grenzt mich immer ein und gibt vor wo ein Buch mich (auch zeitlich) von mir selbst befreien kann.

        Gefällt 2 Personen

Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Nachtzug nach Lissabon [3] – #Literatur

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