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Der Versuch – Gregorius

4. März 2017

Ich bin dabei, mich zu verlieren. (S.269)
Wer ist Gregorius? Welche Rolle spielt er in dem Roman?

Dieser Mann geht zurück nach Hause. Es erscheint mir so, als ob der Versuch scheitern wird:

‚Kitsch ist das tückischte aller Gefängnisse‘, hatte Prado notiert. ‚Die Gitterstäbe sind mit dem Gold vereinfachter, unwirklicher Gefühle verkleidet, so daß man sie für die Säulen eines Palastes hält.‘ (S.281)

Scheinbar Ziellos streift er durch seine Heimat und damit auch durch seine Vergangenheit. Fast verzweifelt versucht er ein ordnendes Prinzip anzuwenden.

In Prados Notizen lesen wir:

Es ist ein Fehler, ein unsinniger Gewaltakt, wenn wir uns auf das Hier und Jetzt konzentrieren in der Überzeugung, damit das Wesentliche zu erfassen. Worauf es ankäme, wäre, sich sicher und gelassen, mit dem angemessen Humor und der angemessenen Melancholie, in der zeitlich und räumlich ausgebreiteten Landschaft zu bewegen, die wir sind. Warum bedauern wir Leute, die nicht Reisen können? Weil sie sich, indem sie sich nicht äußerlich nicht ausbreiten können, auch nicht innerlich auszudehen vermögen, sie können sich nicht vervielfältigen, und so ist ihnen die Möglichkeit genommen, weitläufige Ausflüge in sich selbst zu unternehmen und zu entdecken, wer und was anderes hätten sie auch werden können. (S.286)

Offensichtlich ist Gregorius etwas entgangen. ‚Warum war er plötzlich wie ein Analphabet, wenn es um Nähe und Abstand ging?‘ (S.290) Oder macht er sich nur was vor?

Auf jeden Fall versucht er, Gregorius, seinen Ausflug nach Hause zu negieren und er wird zurückkehren nach Portugal.

Gregorius geht zu Adriana (das ist die verbitterte Schwester, die, psychotisch, das Erbe Amadeu de Prados bewacht). Er bringt ihr die Notizen ihres Bruders zurück. Gregorius braucht sie nicht mehr. (S.292ff)

„Was haben sie denn erwartet?“ (S.293)

Es gibt da noch etwas zu klären. Der muss nämlich jetzt ganz dringend portugiesisch lernen. Und dabei gerät er mit seiner neuen Lehrerin gleich beim ersten Unterricht aneinander:

„Não, não“, hatte sie protestiert, als er das Grammatikbuch hervorholte, „tem que aprendo falando“, Sie müssen beim Sprechen lernen.
  Im Hotel legte sich Gregorius aufs Bett. Cecília hatte ihm das Grammtikbuch verboten. Ihm, Mundus. Sie hatte es ihm sogar weggenommen. Ihre Lippen bewegten sich unaufhörlich, und auch seine Lippen bewegten sich, und er hatte keine Ahnung, wo die Wörter herkamen, ‚mais doce, mais suave‘, sagte sie unablässig, und wenn sie hauchdünne, grüne Halstüchlein über die Lippen zog, so daß es sich blähte, wenn sie sprach, dann wartete er auf den Moment, wo er die Lippen wieder sehen konnte. (S.292)

Ja so ungefähr.

Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon. Roman 2004, Hanser-Verlag.
Hier: Der Versuch. ISBN 3 446 20555 1

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From → Liebe, Sprache

7 Kommentare
  1. Ohje, Verzeihung. Lieber Mick. Ihr habt fast dasselbe Foto drin und ich habe gerade bei ihm kommentiert und dachte, es sei ein weiteres Posting.

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    • mickzwo permalink

      Ein sehr anregender Blog, den der Herr Ärmel da hat. Den kenne ich und den schätze ich. Da gibt es nichts zu verzeihen. Das geht schon in Ordnung.
      Viele Grüße, mick.

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    • mickzwo permalink

      Dass es Ähnlichkeiten bei unseren Fotos gibt, das hat Herr Ärmel mir gegenüber auch schon geäussert. Ist schon etwas länger her. Ich konnte damals wenig damit anfangen und habe es einfach ’sportlich‘ gesehen. Jetzt weiß ich auch was er meinte. Es wird zwar an dem Faktum nichts ändern aber trotzdem bin ich Dir zu dank verpflichtet. Wieder was gelernt 😉
      Liebe Grüße, mick

      Gefällt 1 Person

  2. Lieber Herr Ärmel, interessant, dass mir der Roman nicht sonderlich gefiel. Zu langatmig an vielen Stellen, ausufernde Beschreibungen, die ich zum Teil überblätterte. Doch hier, diese Zitate sind sehr interessant und sprechen zu
    mir. Danke fürs Teilen.
    Einen schönen sonnigen Samstag wünsche ich. Liebe Grüße von Nebenan

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    • mickzwo permalink

      Ich finde es schön, dass die Textstellen zu Dir sprechen. Ich lese solche Bücher gerne, nicht unbedingt weil ich die Meinung des jeweiligen Verfassers teile, aber weil er sich die Zeit nimmt, seine Ansicht darzulegen, manchmal Volten schlägt aber sein Ziel dabei nicht aus den Augen verliert. Das mag altmodisch sein, doch es ist so.

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  3. Eine schöne Stelle, die zum Nachdenken anregt.
    Ich glaube, zum Reisen wie zum Sprachenlernen gibt es mehr als nur einen Standpunkt, denn ich bin überzeugt davon, dass so mancher nur reist, um sich von offiziell anerkannten touristischen Sehenwürdigkeiten von den Höhen, Tiefen und Merkwürdigkeiten im eigenen (Seelen-)leben abzulenken, statt ihnen Aufmerksamkeit zu schenken und zu Erfahrungen zu machen, wie auch das systematische Lernen von Sprache die Emotionen aussen vor lässt, aus Angst, wegen Stolperns oder gar Versagens das Gesicht zu verlieren, wo es doch andererseits so schön sein kann, sich bei Versuchen, die spontan aus dem Gefühl heraus kommen, vertauensvoll vom Gegenüber auffangen zu lassen. Aber wie es im unteren Zitat ausschaut, wird diese Lektion wohl noch gelernt.

    Gefällt 2 Personen

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  1. [Alles mit links] Der Versuch – Gregorius – #Literatur

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