Skip to content

Gregorius, Cecília, Vater, Mutter, der Sohn und die anderen

6. März 2017

„Was haben sie denn erwartet?“ *

Daß die portugiesischen Kinder ihre Eltern bis in die fünfziger Jahre selten mit ‚du‘, meistens in der indirekten Form mit ‚o pai, a mãe‘ angesprochen haben, wußte Gregorius von Cecília, die zu ihm zuerst ‚você‘ gesagt hatte, um nach einer Weile zu unterbrechen und ihm vorzuschlagen, daß sie ‚tu‘ sagen sollten, das andere sei so steif, schließlich sei es die Kurzform von ‚Vossa Mercê‘, also ‚Euer Gnaden‘. Mit ‚tu‘ und ‚você‘ war der junge Prado sowohl im Vertraulichen als auch im Förmlichen einen Schritt über das Übliche hinausgegangen und hatte sich dann entschieden, zwischen beiden Extremen zu wechseln. Oder war es gar keine Entscheidung gewesen, sondern der natürliche, unbedachte Ausdruck seines schwankenden Empfindens? (S.302) **

Der Autor gibt dem Protagonisten Gregorius einen Brief von Amadeu de Prado an seinen Vater, damit dem Leser, an die Hand.

Und wenn ich mich verlieren will? (S.309)

Und schon vertieft sich Gregorius in diese, für ihn neue, Geschichte. Alles, was er gelernt hat, kommt zum Tragen. Das Erforschen der Familiengeschichte geht weiter. Eine schöne Ausrede für eine Flucht wird da für Gregorius gebastelt.

Immer wieder blitzen neue Details aus der Geschichte um Amadeu de Prado auf, immer neue Schriftstücke werden uns zum Lesen präsentiert. Nichts ist dem Zufall überlassen.*** Was ist denn nun der Versuch? Die Rückkehr Gregorius‘ scheint in der Tat gescheitert zu sein.

Wenn die Zeit eines Lebens knapp wird, gelten keine Regeln mehr. (S.321)

„Sie ist nicht einfach möglich, die grenzenlose Offenheit“, sagte Jorge, als sie sich auf der Straße die Hand gaben. „Sie geht über unsere Kräfte. Einsamkeit durch Verschweigenmüssen, auch das gibt es.“ (S.387)

Noch eine Hypothese: Der Versuch ist der Versuch des Gregorius das Leben und Scheitern des Amadeu de Prado zu verstehen.

Gregorius erzählte von der spanischen Buchhandlung in Bern und von den Sätzen, die ihm der Buchhändler übersetzt hatte. ‚Von tausend Erfahrungen, die wir machen, bringen wir höchstens eine zur Sprache,‘ zitierte er, ‚Unter all den stummen Erfahrungen sind diejenigen verborgen, die unserem Leben unbemerkt seine Form, seine Färbung und seine Melodie geben.‘ (…)
  „Sie haben das gehört und sind aus der Schule weggelaufen“, sagte sie.
  „Ich bin aus der Schule weggelaufen und habe das gehört“, sagte Gregorius. (S.389)

Maria João ist die erste, bei der Gregorius Selbstbewußtsein zeigt!

Folgendes schrieb Prado (alias Mercier):

Die Reise ist lang. Es gibt Tage, wo ich sie mir endlos wünsche. Es sind seltene, kostbare Tage. Es gibt andere, wo ich froh bin zu wissen, daß es einen letzten Tunnel geben wird, in dem der Zug für immer zum Stillstand kommt.****

Mittlerweile denke ich, es könnte auch von R.Gregorius aus Bern sein.

Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon. Roman 2004, Hanser-Verlag.
Hier: Der Versuch. ISBN 3 446 20555 1

* Ebenda S.293.
** S.d.a. ebendort die Seiten 301-302, 302-308, 318-320,322-324 aber auch 341-344 [der Brief des Vaters].
*** Z.B. MISSLUNGENER ABSCHIED VON MAMA. Ebendort S.358-360 und 362-364.
**** Prado, ICH WOHNE IN MIR WIE IN EINEM FAHRENDEN ZUG, ebendort S.426

Advertisements

From → Liebe, Sprache

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: