Skip to content

Lina!

27. März 2017

Offensichtlich zeigt Lina irgendwie Interesse.

An seinen Geschichten. An ihm auch. Ob er’s merkt? Irgendwann schon.

„Du hast das Brot vergessen“, sagt Lina.
  „Was hab‘ ich?“
  „Dass es in den USA kein anständiges Brot gibt. Das ist doch das, worüber sich die meisten Deutschen aufregen, wenn sie in den USA sind. Und das die Leute so freundlich, aber so oberflächlich sind. Dann noch dünnes Bier, dumme Fernsehwerbung, und Fernsehprediger, die mit Strichern erwischt werden. Und das Essen ist entweder fett- und zuckerfrei oder so mit Zucker und Fett vollgepumpt, dass es einem aus den Ohren wieder herauskommt. Aber die Landschaft, die Landschaft ist so toll! Mann, fast glaube ich, ich kann besser Gemeinplätze vor mich hin reden als du.“
  „Dafür gibt’s mittlerweile schwäbisches Müsli in den amerikanischen Supermärkten.“
  „Wann warst du denn das letzte Mal da?“
  „Letzten Sommer in Los Angeles.“
  „Und wie war’s?“ (S.100)

Die Sache mit Lina geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Mal fungiert sie als Kontrollinstanz, mal als Objekt der Begierde. Gern auch beides. Dabei würde es ihm jetzt nichts ausmachen, wenn er ihr Objekt der Begierde wäre. Schon klar.

  Lina sieht mich an, als würde sie auf etwas warten. Wieder zieht sie die Augenbrauen ein bisschen nach oben.
  „Ach so, entschuldige“, sage ich. „Das habe ich vergessen dazuzusagen: Bei uns gibt’s ja auch viele seltsame Sachen.“
  „Hä?“
  „Na, hier… Dings… Relativierung und so. Damit das nicht so arrogant rüberkommt sag ich nochmal diesen Satz hinterher: L.A. ist schon seltsam, aber in Deutschland gibt’s ja auch viele schlimme Menschen.“
  Aha“, sagt sie. (S.112f)

Wie macht man es, eine Frau zu überzeugen, ohne sich eine Blöße zu geben, ohne plump zu wirken, ohne einen Schritt zu viel zu tun. Da kann man sich böse verlaufen. Schwierig.

  Ich hatte gehofft, ich würde sie nach diesem Abend etwas besser kennen. Von sich selbst erzählt sie anscheinend ungern, und gibt nur schnippische Kommentare ab. Die gefallen mir allerdings ganz gut. Das war auch der Grund, warum ich sie ganz interessant fand, damals vor zwei Wochen, als wir uns auf einer langweiligen und etwas verklemmten Akademikerparty kennengelernt haben. Da hat sie mir den Abend gerettet mit ihrer flinken Zunge und ihrem Sarkasmus. Da konnte ich ihr einen Brocken hinwerfen, und sie hat sich sofort darauf gestürzt, ihn auseinandergenommen und mir den nächsten Brocken hingeworfen. So ging das hin und her. Jeder andere hätte in unserer Unterhaltung Beleidigung oder Provokation gesehen, für uns dagegen war das wie Tennis. (S.190)

Ein nicht zu ignorierender Aspekt dieser Geschichten. Er weiß es noch nicht, aber sie hat ihn längst in eine Schublade einsortiert. Sie hat Zeit.

„Schnell, witzig, präzise, gerne auch mal derb(…) Horst Evers im Umschlagtext, hinten. Auch das ist klar.

Tillman Birr: Zum Leben ist es schön aber ich würde da ungern auf Besuch hinfahren. Eine kleine Heimatkunde. Golmann TB, München 2014.
ISBN 978 3 442 48366 2

Home is where your heart is. Dazu könnte man glatt Anna von Wolfgang Niedecken hören. Oder so.

Advertisements

From → Liebe, Sprache

4 Kommentare
  1. Nope, was das Erscheinungsdatum von „Anna“ angeht. Klar, die Version, die du verlinkt hast, ist neu (und hübsch), aber „Anna“ war im Original auf „Affjetaut“, erschienen 1980, sagt Wikipedia. (80 hätte ich nicht mehr gewusst, nur dass es ein Titel ist, der echt früh war, als ich noch alle Songs mitsingen konnte.)

    Gefällt 1 Person

  2. Niedecken kann man immer hören. Sowieso, die alten Sachen von BAP … finde ich.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: