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Gott ist nicht schüchtern – Haltet euer Herz bereit

9. April 2017

Ich komme nicht aus den neuen Bundesländern, aber diese Geschichte hatte es mir angetan, und ich musste sie aus Gründen hier noch einmal veröffentlichen. Ursprünglich habe ich diesen Text am 11. November 2012 gepostet.

Maxim Leo: Haltet euer Herz bereit. Eine ostdeutsche Familiengeschichte. Heyne-Verlag, München 2011. ISBN 978 3 453 40807 4.

Wer seine Vergangenheit nicht kennt kann die Gegenwart nicht verstehen. Die Auseinandersetzung damit beginnt oft verhalten und kommt dann träge um die Ecke, wird aber mit der Zeit zunehmend schneller. Je näher (die) Geschichte kommt, desto mehr muss man sich in Acht nehmen von der Lokomotive namens Zeit nicht überfahren zu werden. Die Zukunft ist eben erst morgen.

Mir kommt es oft so vor, als ob Geschichten ein Eigenleben führen. Die springen dich genau dann an, wenn sie es wollen, nicht wenn du es willst. Ich habe dieses Buch nicht wegen dem einen oder anderen Satz gekauft, der mich beeindruckt hätte. Allenfalls wegen dem Cover und dem Titel. Ich habe es auch noch mitgenommen.

So Familiengeschichten, zu mal aus dem Osten, trägt man ja jetzt. Angelesen habe ich das Buch eher halbherzig, immer mit dem Hintergedanken zu wechseln, falls es sich so ergibt. Interessant wurde das Buch für mich erst im sechsten Kapitel.

Dieses Lebensgefühl der Halbstarken hatte ich in eigener Anschauung. Ein anderer Ort, ein anderes System und doch war es so vertraut: Junge Leute testen ihre Grenzen aus und das System reagiert. Klar, wer da den Kürzeren zieht. Ich habe das beobachtet und jeder kann das irgendwo nachvollziehen. In erster Linie hatte ich mich vor den Allüren der Halbstarken gefürchtet, das war alles so fremd und anders.

Gleichzeitig habe ich aber auch ihren Erzählungen zugehört. Mit der Zeit habe ich gelernt zu unterscheiden, was daran aufschneiden war und was ernst. Sicher bin ich mir bis heute nicht, ob ich dabei richtig liege. In jedem Fall weicht die damalige Gegenwartsangst vor dem heutigen Respekt für den – damals oft so unbewussten – Drang nach Freiheit und Selbstbewusstsein.

Maxim sagt über Wolf: „Diese Kombination aus frechen Gedanken und bravem Handeln, aus kleinen Lügen und der großen Wahrheit ist recht schnell zu erlernen und schwer wieder abzulegen. Es ist eine Überlebensstrategie, ein Schutzmechanismus, für die, die sich nicht entscheiden können.“ Oder auch: „Immer wieder verletzt Wolf Regeln“ (…) und dabei hat er (…) „sich geschickt entzogen, ohne sich offen verweigern zu müssen.“*

Ich beobachte so etwas und es kommt mir vor, als erlebe ich alles wieder. Mein Sohn testet auch gerade. Von außen betrachtet bin ich ziemlich gealtert. Dabei fühle ich mich genau so sprachlos und hin und her gerissen wie damals. Es ist schrecklich und faszinierend zugleich. Klar, die Jugendlichen leben heute viel sicherer als die Jugendlichen in den fünfziger Jahren oder noch früher. Aber wir dürfen bei allem nie vergessen, dass aus deren Sicht das Leben jetzt stattfindet.

Damit haben sie natürlich Recht. Für sie gibt es nichts Aufregendes zu erinnern. Die Aufreger sind jetzt da und genau hier zu meistern. Subjektiv geht es nämlich um Leben und Tod, immer. Erst im Nachhinein relativiert sich so manches. Jetzt kann man nicht wissen, wie was ausgehen wird. Aber man kann sich fürchten oder mutig mit seiner Angst verhandeln.

Was bedeutet also Heimat? Ist das ein Ort, eine Zeit, Gefühle oder Gedanken? Gerhard findet in dem Buch irgendwann heraus: „Die persönliche Betroffenheit hat unseren Weg bestimmt, aber wo hätte dieser Weg hingeführt, wenn wir freier gewesen wären, uns zu entscheiden. Es wirkt fast so, als sei er im Nachhinein erleichtert, keine Wahl gehabt zu haben.“** Das ist vielleicht das universelle an Geschichte(n). Es gibt solche und solche Menschen. Überall und immer.

Der Trick ist wohl, seinen Platz zu besetzen, wo man zufrieden ist und Geborgenheit findet. Einfach ist das nicht. Oft ist das aussichtslos und bisweilen trägt das abenteuerliche bis beängstigende Züge. Einige lassen sich von der Aufgabe einschüchtern und geben es schlechterdings auf. Das aber ist das Einzige, was in diesem Zusammenhang zu Recht verboten ist.

Selten wollen Kinder so werden wie ihre Eltern. Autoritäten werden gebraucht und da ausgesucht, wo man sie benötigt. Da ist nichts planbar. Wolf wird erwachsen als er Anne trifft. Aber er bleibt Wolf, darum wird er sich irgendwann von ihr entfernen. Umgekehrt kann man das natürlich genau so sagen. Männer sind Männer, Frauen sind Frauen und Kinder sind Kinder. Funktionäre sind Funktionäre und Gegner sind Gegner, immer und überall. Die Welt dreht sich dabei einfach weiter.

Das könnte die Bibel, Walther von der Vogelweide, Goethe, Schiller, John Irving mit Heinrich Böll, Willam Boyd, Max Frisch oder sonst noch wem verbinden. Vielleicht ist es das, was Geschichten ausmacht: Das Wiedererkennen des Menschlichen in unterschiedlichen Situationen an unterschiedlichen Orten.

Auf dem Umschlag des Buches ist ein Kommentar von Radio Bremen zu lesen:
Ein beeindruckendes Buch, sehr berührend und sehr klug. Das stimmt.

In ordentlichen Bibliotheken und im Handel.

* ebenda S.70; ** ebenda S.104

Wer mag vergleiche dazu die Artikel zu Catch 22, Da geht ein Mensch oder Owen Meany. In erster Linie gehört in diesen Reigen natürlich die Geschichte um Herren Lehmann (und jetzt auch Radio Heimat).

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From → Liebe

One Comment
  1. Graugans permalink

    Ja, lieber Mick, selbstverständlich geb ich Dir Recht, es geht immer um Leben und Tod, immer…
    unbedingt!
    Sei herzlich gegrüßt!

    Gefällt 1 Person

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