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Unser Mann in Havanna -2-

4. Juni 2017

Nie habe ich diese Texte als reine Buchbesprechung verstanden. (Das können andere viel besser.) Ich will herauskriegen, was so ein Titel mit mir macht. Diesen Titel las ich im Urlaub, jetzt – ca.drei Jahre später – am anderen Ende der Stadt, kommt es mir so vor wie ein dejavú.

17.04.2014
Sie sollten mehr träumen, Mr.Wormold. (S.11)

Mr.Wormold, ein Staubsaugervertreter im Havanna nach den den WK II, war ein etwas farbloser Mensch. Er hatte dort eine Vertretung für diese englischen Erzeugnisse, konnte aber mit dem neuen Modell nicht punkten. Nicht, dass er unglücklich dadurch gewesen wäre. Aber er wollte seine geliebte Tochter versorgen und das fiel ihm zunehmend schwerer. Nicht so sehr mental, eher finanziell.

Die Offerte des britischen Geheimdienstes fand er etwas seltsam oder unpassend. Doch die Bezahlung konnte er gut brauchen. Und so kam er – wie die sprichwörtliche Jungfrau – nicht zum Kind, aber zu einer Agententätigkeit. Dabei war er gar nicht katholisch. Er war eher der protestantische Typ. Genau und sehr loyal.

Hasselbacher war deutscher und offenbar sein Freund: Es war typisch für Dr.Hasselbacher, daß er nach fünfzehn Jahren Freundschaft immer noch die Anrede Mr. benützte – Freundschaft entwickelte sich mit der Langsamkeit und der Gewißheit einer sorgfältigen Diagnose. (S.7)

Mr.Wormolds Begriff von Loyalität – und auch: Anstand – war allerdings nicht so ganz kompatibel zur Auslegung der Behörde einer Regierung. So eine Kategorie wie Freundschaft gab es in deren Kreisen eher am Rande, und dann wohl unter anderen Vorzeichen.

Wormold dachte sowieso, dass ein Leben als Clown besser wäre. Und so machte er sich daran, als tragischer Clown durch diese Geschichte zu gehen. Er glaubte sich lange Zeit unsichtbar. Deine Unwissenheit ist unbezwingbar. (S.34) So sagte einmal seine Tochter zu ihm.

Wie lange es doch dauert, bis man die komplizierten Muster des Lebens begreift, deren Teil alles – selbst eine Ansichtskarte – werden kann, und wie unbesonnen es ist, irgendetwas als unwichtig abzutun. (S.68f)

Zwei Fragen kamen mir beim Lesen dieser Geschichte. Erstens: Ist es Feindseeligkeit oder Ignoranz, die es braucht, um die Poesie zu besiegen? Und zum Zweiten: Wo liegt die Trennlinie zwischen vornehm und blasiert?

Man kann Statistiken drucken und die Bevölkerung nach Hunderttausendenden zählen, aber für jeden Menschen besteht eine Stadt aus nicht mehr als ein paar Straßen, ein paar Häusern, ein paar Menschen. Wenn dieses Wenige entfernt wird, existiert eine Stadt nur noch als ein Schmerz in der Erinnerung wie der Phantomschmerz in einem amputierten Bein. Es war an der Zeit, dachte Wormold, seine Sachen zu packen und die Ruinen von Havanna zu verlassen. (S.182)

Die Fragen sind mir zumindest beantwortet. Es gibt dann ja neue andere. Zum Protagonisten dieser Geschichte sei noch vermerkt:
Geträumt hat Jim Wormold dann wohl doch. Aber so etwas sehen fast immer nur die Eingeweihten. Oft ist das gut so.

die narren des königs ritten ans ufer der nacht
und lauschten dem tambourin des mondes,
das die stille bewacht.
sie zogen den schnee mit netzen an land
und schmückten ihn mit dukaten
und ihre kappen leuchteten wie segel von piraten.
gut ists, ein narr zu sein,
denn dann ertrinkst du in der wüste
und hälst das sterben für ein diadem,
gut ists, ein narr zu sein,
denn die unbequemen sind den unbequemen stets bequem.
*

Graham Greene: Unser Mann in Havanna. Roman 1958. Süddeutsche Zeitung, Kriminalbibliothek 2006. ISBN 3 86615 237 X

* musik: richard schönherz text: andré heller (aus: Das war André Heller, 1972 BASF)

Hey Bulldog sangen die Beatles im Soundtrack zu „Yellow Submarine“.https://www.youtube.com/watch?v=VeDOSHzK4jk.
Den Text dazu gibt es hier: http://www.songtexte.com/songtext/the-beatles/hey-bulldog-13d28d2d.html. In diesem Zusammenhang ist es m.E. auch passend.

S.d.a.: Der Fliehende

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From → Liebe, Musik, Sprache

9 Kommentare
  1. Eine neugierige Frage: Hast du auch anderes von Graham Greene gelesen? Und haben diese Titel etwas mit dir gemacht? Herzliche Grüße

    Gefällt 1 Person

    • mickzwo permalink

      Ich bin, was das anbelangt nicht sehr systematisch. So ein Titel muss mich anspringen, provozieren. Darum war das bisher der einzige Titel
      von dem Autor an den ich mich erinnern kann. Vielleicht habe ich in der Schulzeit eine englische Shortstory von ihm gelesen, wenn dann eher unbewußt.
      Wenn du ein Buch empfehlen kannst, dann will ich mir das gerne ansehen.

      LG, mick.

      Gefällt mir

    • mickzwo permalink

      Ich habe festgestellt, das auch so eine Geschichte wie Der dritte Mann auch von Graham Greene ist. Dies habe ich mehrfach als Film gesehen. Allerdings nicht als Buch gelesen. Der Film hat mich damals schon beeindruckt. Das ist kein Wunder, der WKII hat mich schon beeindruckt (also nichts besonderes). Ich dachte, ich hätte mehr über diese Thematik zu bieten aber letztlich ist es nur Böhmisches Blut von Philipp Kerr, ein Krimiautor erster Güte. Konsumiert habe ich vor meiner Zeit als Blogger vieles – auch von dem was hier publiziert wird. Das Thema WKII interessiert mich noch immer, allerdings mehr aus der Vogelperspektive. Ansonsten sind da noch einige Sachtitel und Satiren. Da kommt doch schon einiges zusammen. Vielleicht solltest Du bei den Autoren
      mal nachsehen.
      LG, mick.

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      • Danke dir, Mick. Was den Dritten Mann betrifft, meine ich mich zu erinnern, dass, wer den guten Film gesehen hat, das Buch nicht mehr zwingend lesen muss. Ich finde längst nicht alles von Graham Greene lesenswert, aber „Die Stunde der Komödianten“ finde ich ganz herausragend. Daher meine Frage, ob du schon andere Bücher von Greene hast auf dich wirken lassen – ob im Guten oder Schlechten (alles ist drin).

        Herzliche Grüße
        Holger

        Gefällt 1 Person

        • mickzwo permalink

          Die Stunde der Komödianten kenne ich auch nicht. Das hört sich gut an. Ich werde es probieren. Manchmal bin ich unentschlossen, was die Bücher angeht. Dann kann es passieren, das ich fünf gleichzeitig anfange. Wenn mich dann eins überzeugt, lasse ich die anderen sein. Manche fange ich dreimal an bis ich sie dann lese. Dann war ich einfach noch nicht soweit. Einen Verriss habe ich allerdings noch nie geschrieben, Bücher die mir nicht gefallen, lese ich einfach nicht zu Ende.

          Viele Grüße, mick.

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  2. Beides, glaube ich, besiegt Poesie auf seine Weise: die Feindseligkeit, weil sie alles ablehnt, was aus der als feindlich angesehenen Richtung kommt, dem Neid sehr nah, und die Ignoranz als Steifheit des Denkens lehnt ab, was geistige Beweglichkeit verlangt. Feindseligkeit ist immerhin eine zugewandte, wenn auch aggressive Einstellung, Dinge anzusehen, was eine Chance birgt, dass ein Funken Zweifel entstehen kann, aber Ignoranz weigert sich, überhaupt hinzusehen.

    Gefällt 2 Personen

  3. …was so ein Titel mit mir macht!
    Hervorragend!
    Danke!

    Gefällt 2 Personen

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  1. [Alles mit links] Unser Mann in Havanna -2- – #Literatur

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