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Homo Faber

11. Juni 2017

Jeder hört nur das, was er versteht.

„Nichts ist zufällig an diesem Bericht. Es ist das Ergebnis einer souveränen dichterischen Konzeption, die bei äußerster sachlicher Strenge mit den Mitteln einer schlichten, präzisen, pathoslosen, fast kargen Prosa in die tiefen der menschlichen Existenz hinablotet. Alles ist Klarheit, alles Substanz.“ Düsseldorfer Nachrichten (S.2 dieser Ausgabe.)

Zuerst hat er Überdruß. Ihm wird alles zuviel. Das liegt offenbar an menschlichem Gebaren. Die Zivilisation ist es, was ihn bedrückt.

Dann kommt er mit der Situation in der Wüste nicht zurecht. Statt sich zu freuen, das er sein Leben noch hat – nach der beinahe Katastrophe – und alles um ihn herum sich ins Zeug legt, beobachtet er die Mitopfer mit Spott oder mit Argwohn.

Um dann in die grüne Hölle Mittelamerikas zu fliehen. Grüner kann so eine Hölle nicht sein. Irgendwann lässt Frisch seinen Protagonisten sagen: Menschen sind komisch! (S.43) Dabei ist er der Kauz. Irgendwer ist immer Schuld an seinem Missvergnügen. Nur er nicht.

Jeder hört nur das was er versteht. (Goethe, glaube ich.) Und der Faber versteht viel. Alles ist so rational erklärbar. Nur die Menschen hat er nicht im Blick. (Und wenn, dann ablehnend.)

Das alles erinnert doch sehr an ‚Jo Ländle‘ mit seinem Titel Was wir Liebe nennen.

Was wir Liebe nennen, ist zu viel und zu wenig. Es ist Mangel und Fülle, Ungenügen und Überfluss, auch wenn die Sehnsucht beim besten Willen nicht weiß, woran hier Überfluß bestehen soll. Nur was uns fehlt, wissen wir immer.*

Und:

Ein zauberhafter Roman über das Wesen der Liebe – und warum angesichts von Wildpferden, Busfahrern und Doppelgängern manchmal nur ein Trick die Rettung bringt.

* beide Zitate: Umschlag, hinten

Dazwischen liegen knapp siebzig Jahre. Und jede Menge Geschichte. (Sorry, aber es kam mir so.)

Auch Homo Faber flieht. Vor einer Frau, vor sich selbst, vor den Umständen, die so ein Leben verursachen kann. Es ist nicht Hitze, Staub oder Lärm.

Was mir auf die Nerven ging: die Molche in jedem Tümpel, in jeder Eintagspfütze ein Gewimmel von Molchen – überhaupt diese Fortpflanzerei überall, es stinkt nach Fruchtbarkeit, nach blühender Verwesung.
Wo man hinspuckt, keimt es!
(S.51)

Im Hintergrund von allem ist Hanna – die Liebe seines Lebens – die hat er immer noch nicht verdaut. Er beginnt zu plänkeln, wird ungenau, schlingert.. muss sich entschleunigen.

Wie der Zufall(?) es will, benutzt er dazu eine Schiffspassage nach Paris. (Statt des üblichen Fluges.)

Was ändert es, daß ich meine Ahnungslosigkeit beweise, mein Nichtwissenkönnen! Ich habe das Leben meines Kindes vernichtet und ich kann es nicht wiedergutmachen. Wozu noch ein Bericht? Ich war nicht verliebt in das Mädchen mit dem rötlichen Roßschwanz, sie war mir aufgefallen, nichts weiter, ich konnte nicht ahnen, daß sie meine eigene Tochter ist, ich wußte ja nicht einmal, daß ich Vater bin. Wieso Fügung? Ich war nicht verliebt, im Gegenteil, sie war mir fremder als je ein Mädchen, sobald wir ins Gespräch kamen, und es war unwahrscheinlicher Zufall, daß wir überhaupt ins Gespräch kamen, meine Tochter und ich. Es hätte ebensogut sein können, daß wir einfach aneinander vorbeigegangen wären. Wieso Fügung! Es hätte auch ganz anders kommen können. (S.72f)

Zufall ist keine Kategorie des Schicksals. Es nimmt seinen Lauf. Da verhält es sich ein wenig wie technikaffine Menschen. Alles läßt sich irgendwie rationalisieren.

Max Frisch: Homo Faber. Ein Bericht, 84.Auflage 2016. Suhrkamp-TB 394. © 1957 Suhrkamp-Verlag Frankfurt/Main.

Offenbar hängt viel von der Perspektive ab. Die wird – nach seinem Schöpfer – hier von Homo Faber geprägt. Ein wunderbarer und zeitloser Bericht über die Liebe und das Leben…

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From → Liebe, Sprache

5 Kommentare
  1. Also, mir machst du Lust, das Buch wieder zu lesen. Hatte das bisher erst einmal, natürlich in der Schule, gemacht, und das ist lange genug her.

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    • mickzwo permalink

      Ich habe lange gezögert. In der Suchlzeit habe ich kaum etwas verstanden von der Geschichte. Das, was ich erinnerte, fand ich eher abschreckend. Jetzt habe ich einen anderen Zugang zu dieser Geschichte gefunden.. Es war eine gut investierte Zeit und nicht umsonst.

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  2. Weiß nicht, irgendwie gefällt mir der Roman nicht mehr. Schon recht durchsichtig, schon der titel sagt, wie der Protagonist so drauf ist. Kann man dann schön analysieren, was ich mit Schülern des öfteren gemacht habe. Verstehen auch die, die das Buch gar nicht gelesen haben. Die Geschichte mit der Tochter im zweiten Teil ist dann eh nichts für Schüler, das sind dann die Probleme älterer Männer. Aber als alter Mann, wie gesagt, kömmt mir heut auch dieser Teil arg konstruiert vor.

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    • mickzwo permalink

      Da gebe ich Dir vollkommen Recht. Das Ganze ist ein Konstrukt! (Wie jede Fiktion.) Und zwar von Vorne bis Hinten. Das macht seine Qualität aus: Das der Autor die Konstruktion so stringent durchhält. (Es ist so berechenbar wie eine griechische Tragödie.) Dass dies dem Geschmack heutiger Schüler nicht standhält, wen sollte das verwundern. Mich bestimmt nicht.
      Nachtrag (13.Juni.2017): Es ist ein schmaler Grat – immer.
      Ich danke Dir für Deine dezidierte Meinung zu dem Bericht. LG, mick.

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  1. [Alles mit links] Homo Faber – #Literatur

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