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Die Sehnsucht des Vorlesers

7. Juli 2017

Diese Geschichte könnte überall spielen.

(…) Ob vor zehn Monaten oder in zweieinhalb Jahren, ist auch nicht entscheidend. Viel wichtiger ist: Guylain Vignolles liebt Bücher. Unseligerweise muss er sich seinen Lebensunterhalt jedoch in einer Papierverwertungsfabrik verdienen. Aus diesem Grund hat er wohl auch diese Macke entwickelt, die ihn Tag für Tag aus der grauen Masse der Pendler herausstechen lässt: Jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit liest er im 6-Uhr-27-Regionalzug laut ein paar Seiten vor, die er tags zuvor der gewaltigen Schreddermaschine entrissen hat: sein heimlicher Akt der Rebellion gegen die Vernichtung von Literatur. Sonst ist der schüchterne Maschinenführer gefangen in seinem monotonen Leben. Eines Tages aber geschieht etwas, das die Dinge von Grund auf verändern wird: Direkt vor seinem orangeroten Klappsitz im Zug findet er einen USB-Stick auf dem das Tagebuch einer ganz besonderen jungen Frau namens Julie abgespeichert ist…

So die Werbung des Verlages im Klappentext dieser Ausgabe. Ein sorgfältig gemachtes Buch. Es ist in jeder Hinsicht wunderbar.

Ziemlich verhuscht klingt das. Und so beginnt die Geschichte:

Einige Menschen kommen taub, stumm oder blind zur Welt. Andere tun ihren ersten Schrei mit einem schielenden Auge, einer Hasenscharte oder einem Feuermal im Gesicht. Manche werden auch mit einem Klumpfuß geboren oder ihnen fehlt gleich ein ganzer Körperteil. Guylain Vignolles war von alledem verschont geblieben – dafür strafte ihn das Schicksal damit, dass sein Name seine lieben Mitmenschen zu einem Wortspiel verleitete. Wenn man nämlich die beiden Anfangssilben seines Vor- und Nachnamens vertauschte, wurde daraus ‚vilain guinol‘, der ‚dumme Kasper‘. (S.7)

Dieser Roman erzählt auch davon, wie Liebe beginnen kann und warum es manchmal so lange dauert. Auch welche Risiken man dabei eingeht. (Jenseits von Allem.)

Abends, als ich mich in mein Bett kuschelte, las ich den Brief dann noch ein paar Mal, so lange, bis ich ihn auswendig kannte und das Licht ausschalten konnte. Und da wusste ich auf einmal, dass ich Guylain Vignolles anrufen würde. Ich würde ihn anrufen und ihm sagen, dass ich ihn kennenlernen wollte. Und ich würde ihm nicht nur acht Minuten meiner Lebenszeit schenken, sondern mindestens drei Stunden. So lange dauerte es nämlich, bis ich in dieser Nacht einschlafen konnte. Ja, wir würden drei Stunden lang reden, schweigen und uns vielleicht vorwagen und Worte sagen, die keiner von uns bisher im Leben ausgesprochen hat… S.222f

Zwischen diesen beiden Zitaten liegen gut zweihundert Seiten. Seiten die die Umstände und Routinen der Protagonisten klären, uns Einblicke in die Welt kleiner, genügsamer Menschen geben. Irgendwann sagt man sich, dass das doch nicht alles gewesen sein könne und man beginnt den beiden die Daumen zu drücken, weil man hofft, aus ihrer Begegnung könnte sich etwas entwickeln.

Gut um aufzutanken, voll von Poesie, Berührend. Und niemand verspürt den Wunsch so zu leben. Kurz: Man kann darin schwelgen und die Seele baumeln lassen. Wunderbar!

Jean-Paul Didierlaurent: Die Sehnsucht des Vorlesers. dtv-premium.
ISBN 978 3 423 26078 7
Nochmal der Verlag: Die hinreißende Geschichte von zwei liebenswerten Außenseitern… Dies Mal auf der Rückseite der Ausgabe.

In öffentlichen Bibliotheken und im Handel.

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From → Liebe, Sprache

3 Kommentare
  1. Das gefällt mir.
    Zumal mir tatsächlich eine Lerbensgeschichte bekannt ist, bei der jemand bei einem solchen Betrieb ständig Bücher gerettet hat uns so seine Familie nach und nach mit einer umfassenden und sehr bunten Bibliothek versorgt hat, die zu unerwarteten Kenntnissen in vielen Bereichen führte. Dieses städtische Ambiente des beschriebenen Buches wirkt anders, aber diese ganz gewisse Liebe zu Büchern, die scheinbar „rufen“ um gerettet und gelesen zu werden, die trifft sicher auf einige Menschen mehr zu.

    Gefällt 1 Person

Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Die Sehnsucht des Vorlesers – #Literatur

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