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Darm mit Charme

11. August 2017

Der, den ich liebe
Hat mir gesagt
Daß er mich braucht

Darum
Gebe ich auf mich acht
Sehe auf meinen Weg und
Fürchte von jedem Regentropfen
Daß er mich erschlagen könnte.
*

Alles über ein unterschätztes Organ so heisst der Untertitel dieses Buches. Ich habe lange überlegt ob ich es lesen sollte. Wie ich es schon an anderer Stelle gesagt habe, diese Art von Literatur ist nicht so meins.

Ausgerechnet der Darm! Das schwarze Schaf unter den Organen (…) **

Tja, denkste!

Da provozierte nicht einmal der Zusatz: „Ein sehr lustiges, lässiges, lehrreiches Buch“*** Im Gegenteil, da werde ich erst recht misstrauisch.

Wie dieser Titel zu mir kam, ist eine Ausnahme. Drei Mal hatte ich mir das überlegt, drei Mal habe ich angefangen, um es wieder weg zu legen. Vielleicht war es die profunde Sprache, die mich letztlich bewog. Anyway.

  Wenn man aus dem Weltall auf die Erde schaut, sieht man uns Menschen nicht. Die Erde erkennt man – sie ist ein runder leuchtender Punkt neben anderen leuchtenden Punkten auf dunklem Hintergrund. Geht man näher heran, sieht man, dass wir Menschen an ganz unterschiedlichen Orten auf der Erde leben. Nachts leuchten unsere Städte als kleine helle Punkte. Manche Völker leben in Gebieten mit großen Städten, andere überall verteilt auf dem Land. Wir leben in kühlen nordischen Gefilden, aber auch im Regenwald oder an den Rändern von Wüsten. Wir sind überall, auch wenn man uns aus dem Weltall nicht sehen kann.

  Schaut man sich uns Menschen näher an, stellt man fest, dass jeder von uns eine eigene Welt ist. Die Stirn ist eine luftige kleine Wiese, der Ellbogen ein trockenes Ödland, die Augen sind salzige Seen, und der Darm ist der abgefahrenste, riesigste Wald mit den unfassbarsten Kreaturen. So wie wir Menschen den Planeten bewohnen, werden auch wir besiedelt. Unter dem Mikroskop kann man unsere Bewohner – die Bakterien – gut erkennen. Sie sehen dann aus wie kleine leuchtende Punkte vor dunklem Hintergrund.

  Jahrhundertelang haben wir uns mit der großen Welt beschäftigt. Wir haben sie vermessen, Pflanzen und Tiere erforscht und über das Leben philosophiert. Wir haben riesige Maschinen gebaut und sind zum Mond geflogen. Wer heute neue Kontinente und Völker entdecken will, muss die kleine Welt erkunden, die sich in uns selbst befindet. Unser Darm ist dabei der faszinierendste Kontinent. Nirgendwo leben so viel Spezies und Familien wie hier. Die Forschung fängt gerade erst an, wirklich loszulegen. Es entsteht eine Art neue „Bubble“ – vergleichbar mit der Entschlüsselung unseres Genoms – mit vielen Hoffnungen und neuen Erkenntnissen. Diese Bubble könnte platzen oder der Vorbote zu mehr sein.

  Erst seit 2007 arbeitet man an einer Bakterienkarte. Dafür werden viele, viele Menschen an allen möglichen Stellen mit Wattestäbchen abgetupft. An drei Stellen im Mund, unter den Achseln, auf der Stirn … Es werden Stuhlproben analysiert und Genitalabstriche ausgewertet. Orte, die bislang als keimfrei galten, stellen sich plötzlich als besiedelt heraus – zum Beispiel die Lunge. Der Darm ist in Sachen Bakterienatlas die absolute Köngsdisziplin. Von den Mikrobiota – also der Gesamtheit aller Mikroorganismen die auf uns herumwuseln – befinden sich 99% im Darm. S.153f (aus: Die Welt der Mikroben)

Kompetent und gelassen kommt diese Wissenschaftlerin daher. Und es wird einem klar, dass vieles mit vielem Zusammenhängt. Da ist viel gesunder Menschenverstand im Spiel. Was uns hier auf charmante Art untergejubelt wird, klingt auf den ersten Blick einleuchtend. Ob das so ist? Es wird sich zeigen!

Thor Hyerdahl war ein ruhiger Mann mit klaren Ansichten. Er beobachtete Meeresstörmungen und Winde, interessierte sich für alte Angelhaken oder Kleidung aus Baumrinde. Alldas brachte ihn zu der Überzeugung, dass Polynesien von Seglern aus Südamerika und Südostasien besiedelt worden sei. S.210

Wer glaubt, wir befinden uns in der falschen Geschichte, der hat sich getäuscht.

Dreißig Jahre später startete ein anderer Wissenschaftler eine ähnlich aufregende Expedition. Allerdings begab er sich dafür nicht auf die Weltmeere, (…) S.210

Es geht um den Heliobacter – das älteste „Haustier“ der Menschheit. S.210 Sowas darf man sich getrost auf der Zunge zergehen lassen. Einen Abschnitt über Bakterien so zu beginnen! Diese junge Dame muss eine Naturwissenschaftlerin durch und durch sein. Sie ist von ihrer Mission überzeugt und für sie zählen offenbar nur Fakten.

Die Sprache mag leger und charmant sein. Aber sie ist stupend.

Wir sind besiedelt von mehr oder weniger sympathischen kleinen Kerlchen, Familien und Stämmem, die alle nur ein Ziel verfolgen, nämlich den Fortbestand ihrer Sippe zu garantieren. Dabei können sie uns behilflich sein. So ist es von der Natur auch vorgesehen. Manche von ihnen übertreiben es ein wenig. Aber vermutlich sehr Ziel gerichtet.

In dem Falle könnte es uns zum Schaden gereichen. Aber nur dann, wenn wir uns nicht klar machen, warum diese Lebewesen so handeln. Und darum sollten wie sie zur Kenntnis nehmen. Wir sind besiedelt von ihnen und wir – folgt man G. Enders – werden sie auch nicht mehr los. Aber man kann sich ja etwas überlegen. Die Forschung steht am Anfang…

Giulia Enders: Darm mit Charme. Alles über ein unterschätztes Organ. Ullstein Berlin, 36. Auflage 2015 ISBN 978 3 550 08041 8

* Bertolt Brecht: Morgens und abends zu lesen. Zitat aus: Gedichte, die glücklich machen. ISBN 978 3 458 35997 5

** Umschlagtext, hinten.

*** Umschlagtext, hinten. Zitat nach taz.

Im Handel und in allen öffentlichen Bibliotheken (bis es eine neue Sensation gibt).

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From → Liebe, Sprache

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  1. [Alles mit links] Darm mit Charme – #Literatur

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