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Unterleuten

5. November 2017

„Niemand will etwas Böses und trotzdem geschieht es.“ *

Nehmen Sie sich zehn Minuten für einen Rundgang durchs Dorf! Bewegen Sie sich in Unterleuten, lernen Sie das Dorf, seine Bewohner und andere Beteiligte kennen. Denn irgendwie sind wir doch immer und überall „unter Leuten“. **

Gerhard Fließ „(…)war nicht aufs Land gezogen, um zu erleben, wie der urbane Wahnsinn die Provinz erreichte. Er verzichtete nicht auf Theater, Kino, Kneipe, Bäcker, Zeitungskiosk und Arzt, um durchs Schlafzimmerfenster auf einen Maschinenpark zu schauen, dessen Rotoren die ländliche Idylle zu einer beliebigen strukturschwachen Region verquirlten. Gerhard war ein Exilant, geflohen vor dem Gespinst aus Belästigungen, zu dem das moderne Leben geworden war. Größenwahnsinnige Arbeitgeber, unfreundliche Verkäuferinnen, Dauerbaustellen auf Hauptverkehrsstraßen, stundenlange Parkplatzsuche,“ etc.(S.200)

Juli Zeh hat es drauf. Nicht nur, weil sie eine gute Beobachterin ist, sie ist auch eine ausgesprochene Erzählerin. Sie beschreibt Lebensumstände und sie beherrscht ihr Handwerk. Dabei herausgekommen ist ein veritabler Gesellschaftsroman. Aber Vorsicht: Suchtgefahr!

„Es war eine Wiedergeburt. Der Himmel blau, die Gärten grün, die Luft schwanger vom Geruch nach Staub, Kiefernnadeln und heißem Asphalt. Der Boden unter Jules Füßen schien zu federn wie ein Trampolin. Sie sah sich selbst in Zeitlupe, sie sah ihr eigenes Gesicht in Großaufnahme, entschlossen und voller Lebenskraft. Sie sah sich selbst von oben, wie sie in langem Rock und Sandalen die Dorfstraße entlanglief, mit einer Hand den Kopf ihres Babys stützend, das im Tragetuch vor ihrem Bauch schlief. Eine Frau mir einer Mission.“ (S.216)

Was es mit der Mission auf sich hat, konnten wir auf den zweihundert Seiten zuvor erkennen. Wie diese Mission ausgeht, lernen wir in den folgenden Kapiteln. Es könnte aber auch so weitergehen.

Doch die Autorin hat uns – das sind die Leser – versprochen, etwas schreckliches würde passieren. Prompt geht Kind ein verloren, taucht jedoch nach einiger Zeit wieder auf. Man stößt sich an Einzelheiten. Die Gerüchteküche hat Hochkonjunktur. Es tut sich was im Dorf.

Komische Dinge und Merkwürdigkeiten lässt Juli Zeh daraufhin geschehen. Die Vorherrschaft der „alten Männer“ scheint gebrochen zu sein. Auch wenn man nicht alles versteht. Es scheint, als ob das alles planvoll vorbereitet ist. Plötzlich tut sich etwas.

  „Fallwild sind tote Tiere, die im Wald herumliegen, ohne erschossen worden zu sein. Wild, das sich selbst erledigt hat.
  Arne sagt, dass er manchmal denkt, auf Unterleuten laste eine Art Fluch. Er fragt mich, ob ich glaube, dass Unglück etwas mit Orten zu tun hat. Ob mit Leuten wie Linda Franzen oder Gerhard Fließ alles genauso gelaufen wäre, wenn sie in ein anderes Dorf gezogen wären. Ganz ehrlich, ich weiß es nicht.
  Von der Theke her sagt Silke, dass es komisch sei, wie sich immer alles ändere und irgendwie trotzdem genau wie früher bleibe.
  Draußen legt sich die frühe Nacht dem Dorf wie eine beruhigende Hand auf den Scheitel.“
(S.634f) ***

Juli Zeh: Unterleuten. Roman 2016, Luchterhand. Genehmigte 1.Taschenbuchauflage btb. ISBN 978 3 442 71573 2

Im Handel und in guten, öffentlichen Bibliotheken.

„Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, Jurastudium in Passau und Leipzig, Studium des Europa- und Völkerrechts, Promotion. Längere Aufenthalte in New York und Krakau. Schon ihr Debütroman Adler und Engel (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013) und dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015).“ ****

* Aus dem Webauftritt zum Buch. Hier: Das Dorf
** Aus dem Webauftritt zum Buch. Hier: Die Autorin
*** aus dem Epilog, Schluß.
**** Vermutlich aus der Verlagswerbung. Hier: J.Zeh, zu finden auf der Webseite, die Autorin.

Ein Interview mit J.Zeh

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From → Liebe

13 Kommentare
  1. Ich habe das Buch mit großem Vergnügen gelesen. Der ländliche Raum und der Einbruch des Kapitalismus in die vermeintliche Idylle sind großartig beschrieben, ebenso die Figuren des Romans, die sicherlich etwas überzeichnet sind, aber doch mit solcher Detailfreude und sprachlicher Kraft dargestellt werden, dass ich einfach Freude daran hatte.

    Sehr gut wird deutlich, wie jeder sein Konzept von sich und der Welt mit sich herumträgt und wie dadruch sein Verhalten bestimmt, manchmal fast schon vorprogrammiert wird. Ich habe Verständnis dafür, dass manchen Lesern das eine oder andere zu dick aufgetragen und zu vorhersehbar erschien. Aber mir hat’s gefallen – das ist (wie bei jeder Überzeichnung) eine Frage des persönlichen Geschmacks.

    Am meisten hat mir gefallen, dass ich das Gefühl hatte, dass die Autorin selbst beim Schreiben eine Art „Heidenfreude“ empfunden haben mag, wenn sie ihre Beobachtungen präzise auf den Punkt brachte und die Handlung vorantrieb. So kam es bei mir an. Allein der Erfolgsberater und die Pferdefrau sind unbezahlbar. Juli Zeh hat sich dann noch einen Spaß daraus gemacht, für einzelne Figuren eine Internet-Präsenz zu schaffen, so dass sich die literarische Fiktion als fiction im web fortsetzt. Genial, ich habe mich ganz außerordentlich amüsiert.

    Gefällt 2 Personen

  2. Diese Darstellung aus wechseknden Sichtweisen fand ich besonders toll. Wie auch in Nullpunkt ….subjektive Wahrheit…

    Gefällt mir

  3. danke für diese schönen ausgewählten passagen. liest sich sehr sehr schön.
    hast du eigentlich schon mal was von monika maron gelesen? könnte dir
    vielleicht auch gefallen.

    Gefällt 1 Person

Trackbacks & Pingbacks

  1. [Alles mit links] Unterleuten – #Literatur

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