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Die Frau und der Affe -2-

„Was geschieht dann aber mit uns?“. S.207

London ist eine besorgte Stadt. Seine Börse seine Banken sind das finanzielle Herz der Welt, seine Massenmedien die Augen und Ohren der englischsprachigen Welt, seine Bibliotheken, Museen und Archive wachen ängstlich über das umfassendste historische Gedächtnis von Europa, die Stadt ist Sitz der Regierung, beherbergt Ober- und Unterhaus und damit weltweit das größte Depot an adeligem Genmaterial. Mit der Universität London und deren neuralen Verbindungen zu Oxford und Cambridge trägt sie zudem die Verantwortung für die größte Ansammlung zivilisatorischer Intelligenz im vom Menschen bewohnten Teil der Erde, für das größte Gehirn der Welt. Die Stadt ist deshalb ein Hypochonder, sie sorgt sich bis zum Wahnsinn um ihre Gesundheit, und darum hat sie eines der größten Immunsysteme der Erde. Nur wenige Minuten nachdem Madelene und der Affe verschwunden waren, aktivierte sich dieser monströse und zugleich furchtsame Überwachungsapparat. S.169

Sie reagiert, unerbittlich und sofort. Aber sie re-agiert. So kommt es – wie in guten Märchen oder Krimis üblich – beim Showdown sind alle wichtigen Figuren beteiligt.

Gerade als Erasmus dabei war, die Taue aufzurollen, als Bally steif wie ein Automat den Gang des Bootsmotors einlegte und vom Kai ablegte, als sich die elf anderen Affen verteilten, um die Schlagseite der Arche auszugleichen, da winkte Madelene London und Johnny noch einmal zu. Und gerade, als sie beide Arme in die Luft reckte, verspürte sie eine Bewegung, welche Frauen, die zum erstenmal schwanger sind nicht identifizieren können, jedenfalls nicht so früh während der Schwangerschaft, von der sie aber sofort ganz sicher und zweifelsfrei wußte, daß es die Bewegung des Kindes war, ihres gemeinsamen Kindes mit Ersasmus, das noch wie ein Fisch im Ozean des Fruchtwassers herumtollte.
  Erasmus kam zum Vordeck, Madelene ergriff seine Hand und sah zum Himmel hoch.
  „Die letzten Teile“, sagte sie, „das ist nicht nur blauer Himmel. Das ist ein Engel.“
  „Was ist das, ein Engel?“ fragte der Affe.
  Madelene schüttelte den Kopf.
  „Das habe ich nie ganz begriffen“, antwortete sie. „Aber vielleicht ein Drittel Gott, ein Drittel Tier und ein Drittel Mensch“. S.287f

Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. (trad.)

Und, was wird aus uns?

Peter Høeg: Die Frau und der Affe. Roman. Aus dem Dänischen von Monika Wesemann. 1997, Carl Hanser Verlag, München Wien. Schutzumschlag: Init, Bielefeld.

So many words are left unspoken. Mick Hucknall, Simply Red

Die Frau und der Affe

Jeden Morgen erstand Madelene wieder auf. S.29

Sie ist ein sogenanntes Wohlstandsweibchen, lebt in London im zwanzigsten Jahrhundert. Und sie scheint sich damit abgefunden zu haben.

Das Gesicht, das ihr begegnete, wenn sie sich an den Toilettentisch setzte, war nach ihrem eigenen Urteil ein trauriges Gesicht. Kein welkes oder im Verfall begriffenes Gesicht, denn Madelene war erst dreißig Jahre alt. Aber es war -fand sie – ein blasses und anonymes Gesicht, das aussah, als könne es im nächsten Moment verschwunden sein, nicht etwa in flammender Zerstörung, sondern schlicht, weil es in seiner grauen Alltäglichkeit mit der Umgebung hätte verschmelzen können. S.29

Sie ist noch jung, und versucht ihren Niedergang allenfalls etwas aufzuhalten.

Wer seine Tage gleichförmig und ohne Verlangen verbringt, lebt in einer Art Ewigkeit, und genau so sah Madelene ihr Leben. Als hätte sie die Ewigkeit gewollt, gesucht und gefunden. S.33

Dann lernt sie den Affen kennen. Damit sollte sich alles ändern.

Begegnet war mir diese Geschichte in einem modernen Antiquariat. Ein Buch des Autors von Fräulein Smillas Gespür für Schnee. Auf der Suche nach Vielversprechendem las ich da im Klappentext des Schutzumschlages folgendes:

„Ein Affe nimmt Kurs auf London. Er sitzt im Segelboot eines Tierhändlers, doch kurz vor der Ankunft im königlichen Yacht-Club stößt er die Mannschaft über Bord, übernimmt selbst das Ruder und rast in krachender Fahrt mitten durch die Mahagoni- und Palisanderschiffe. Erasmus, so der Name des hundertfünfzig Kilo schweren Helden, wird aufgegriffen und Adam Burdon übergeben, dem Direktor des Institute of Animal Behavioural Research. Dieser bringt ihn heimlich in seinem privaten Gartenhaus unter, um sich drei Wochen Vorsprung bei den Experimenten an einer neuen Art des Menschenaffen zu sichern. Hier begegnet Adams schöne dänische Frau zum erstenmal dem Affen, der ihr tief in die Augen schaut und ihr als Geschenk – einen Pfirsich reicht. Madelene, nach ein paar Monaten Ehe schon ganz den Alkohol verfallen, nutzt die schwachen Momente ihres Mannes, um seinen Berufsgeheimnissen auf die Spur zu kommen. Als sie herausfindet, daß Adam im Begriff ist, dem Affen den Schädel aufzusägen, beschließt sie, Erasmus zu retten. Damit beginnt die abenteuerliche Flucht der beiden und eine aufsehenerregende Liebesgeschichte. Denn für Madelene ist der Affe der bessere Liebhaber, und er läuft ihrem karrierebesessenen Mann nicht nur in erotischer Hinsicht den Rang ab. Erasmus ist nicht einfach ein Affe, er ist in der Evolution bereits einen Schritt über den Menschen hinaus. Mit seinem Erscheinen wird – im Zeitalter von Massenschlachtungen und geklonten Schafen – die Überlegenheit des Menschen über das Tier radikal in Frage gestellt.
Peter Høegs philosophischer Thriller zieht den Leser mit rasantem Erzähltempo in den Bann. Seine großartige Heldin, die manche Ähnlichkeit mit Fräullein Smilla hat, und das brisante Thema bewegen Herz und Kopf.“ Aus dem Klappentext im Schutzumschlag.

Mir klar, was ich als nächstes Lesen würde. Ich habe es nicht bereut 🙂

In dem Augenblick, in dem wir begreifen, daß wir etwas verloren haben, in dem das Verlangen blutet und das Bewußtsein noch nicht geronnen ist, steht die Bedeutung des Verlorenen am deutlichsten vor uns. S.69

Auf den ersten Blick wirkt es abwegig aber es scheint sich alles noch im Bereich der Norm zu bewegen. Auf den zweiten Blick ist es anders. Vollkommen. Peter Høeg ist ein Meister des zweiten Blicks.

Peter Høeg: Die Frau und der Affe. Roman. Aus dem Dänischen von Monika Wesemann. 1997, Carl Hanser Verlag, München Wien. Schutzumschlag: Init, Bielefeld.

„Alle Menschen sind auf ihre Weise schön“

Alle Menschen sind schön.

Ruhrköpfe

„Alle Menschen sind auf ihre Weise schön. Wir im Ruhrpott wissen das“

Sonja mit ihrem Mann, Foto: privat

Nach dem Abitur absolviert die Dortmunderin Sonja Kotterba – von ihr stammt das Zitat in der Überschrift, genau wie ihr älterer Bruder, auf Wunsch der allein erziehenden Mutter, eine klassische Berufsausbildung. Sie wird Bürokauffrau und arbeitet zunächst bei der Stadt Dortmund. Berufsbegleitend studiert Sonja Betriebswirtschaftslehre. Nach ihrem Studien-Abschluss findet sie eine Anstellung als Personalreferentin.

Ursprünglichen Post anzeigen 516 weitere Wörter

Pass auf mich auf!

Juri langweilt sich.

Deshalb sucht Juri sich einen Erwachsenen aus, dem er etwas beibringen kann.
„Wie passt man eigentlich auf ein Kind auf?“ wird er von Herrn Schnippel gefragt. Natürlich weiß Juri darauf eine Antwort. Juri weiß so manches.

Und so kommt es, dass Juri einem Erwachsenen erst mal zeigt wie man auf Kinder richtig aufpasst. Was man tun muss, wenn man vor die Tatsache gestellt wird, dass man ein Kind beaufsichtigen soll. Essentielle Fragen stehen im Raum:

Was muss man tun, wenn so ein Kind mal etwas anders vor hat als Erwachsene. Wie rettet man Kinder und bringt sie zum Lachen. Und wie man sich sonst so in lächerlichen Situationen verhalten kann.

Herr Schnippel ist ein echter Glücksfall. Der macht sich gut.

„Mama sagt, Kekse sind etwas für Sonntage.“
Herr Schnippel strahlt: „Ehrlich? Danke liebe Kekse! Ich liebe Sonntage.
Ach, ist das schön!“
Sie baumeln in der Hängematte und mampfen Kekse.
Dann schlägt es von der Kirche her irgendetwas.
Juri hüpft aus der Hängematte.
„Pass auf, ich komme morgen wieder!“, sagt er.

Lorenz Pauli (Text), Miriam Zedelius (Bilder): Pass auf mich auf! Atlantis-Verlag, 2. Auflage 2015. ISBN 978 3 7152 0693 6

Ein Bilderbuch für alle großen und kleinen Entdecker, die endlich ein mal wissen wollen, wie man richtig aufpasst. 🙂

Die Insel der Besonderen Kinder -2-

Geschafft.

Ich habe diese Geschichte zu Ende gelesen:

Und so kam es, dass jemand, der sehr anfällig für Alpträume, Nachtangst, Untote und eingebildete Wesen, sich dazu überredete, ein letztes Mal ein verlassenes Geisterhaus aufzusuchen, in dem mehr als ein Dutzend Kinder ihr frühes Ende fanden.
S.122

Hier hätte ich noch aufhören können. Weil da nämlich so allmählich der Showdown beginnt. Und der ist alles andere als friedfertig. Schließlich geht es hier um nichts Geringeres als Leben und Tod.

Das Grauen kann man nicht erklären und doch passiert es immer wieder. Und man steht fassungslos davor. Aber es gibt auch so etwas wie Hoffnung. Oft kann man die auch nicht erklären..

Wie gesagt, es war nicht so meins. Aber ich habe es nicht bereut. Ich habe viel gerlernt über Monster, die einem auflauern, Untote, Wights und Zeitschleifen und son kram. Alle Kinder wollen müssen sich beweisen. Und sie tun es auch.

Alle Kinder sind besonders. Sie verdienen unsere Aufmerksamkeit und die Freiheit sich zu entscheiden. Beides brauchen sie, wofür auch immer. Verlässlichkeit braucht man. Jeder braucht das.

Unvoreingenommen geliebt zu werden klingt trivial, aber genau das ist es, worum es geht: Geduld, Vertrauen und Zuversicht. Auch Neugier braucht es.. und Mut.

Ganz zum Schluß habe ich noch etwas übers Erwachsenwerden gelernt. Deswegen hatte ich ja dieses Buch genommen. Das ist schon was.

Randsom Riggs: Die Insel der Besonderen Kinder. Roman. Vollständige Taschenbuchausgabe 2013. ISBN 978 3 426 51057 5

Ich kann das Buch nur empfehlen, auch wenn ich es nicht nochmal lesen würde.

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